Skepsiswerke

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[GESELLSCHAFT] Der Glaube an Gleichberechtigung ist keine Superkraft

Sonntag, 11. Februar 2018
Als ich letztens meine Komilitonin getroffen habe, sind wir ins Gespräch gekommen: Sie hat mir von einer Unterhaltung mit ihrer ehemaligen Mitbewohnerin erzählt, kurz bevor deren Wege sich getrennt haben.

Worum ging es? Feminismus.

Es war ein Badezimmer-Streit. Beide wollten rein, Franzi, das ist meine liebe Freundin, war derzeit darin und schminkte sich.
Beim Rauskommen wurde sie dann von dieser auch prompt zur Rede gestellt: Wieso schminkt sie sich überhaupt? Schildert sich immer groß als Feministin aus, dabei weiß doch jedes Kind, dass Schminken, Abnehmen für das schöne Aussehen, die engen Hosen, die engen Shirts, auch BHs und Ähnliches, Teil des Systems sind, gegen das sich Feministen auflehnen. Dass Frauen keine Anziehpuppen sind, die immer aufgebrezelt durch die Gegend staksen sollen, dass sie keine Schmerzen ertragen müssen, weil sie hohe Schuhe tragen müssen, um Aufmerksamkeit zu erhalten.

Wie sie reagiert hat, hat sie nicht gesagt.

Was Feminismus nun sein soll, scheint bei vielen die Geister zu spalten, aber ich war an dieser Stelle eher schockiert und wütend, als zustimmend zu nicken und zu sagen, dass ihre Mitbewohnerin recht hat. Ja, Frauen sind keine Anziehpuppen und ja, Make-Up hilft dabei, Hautunreinheiten zu kaschieren, aber ist es nicht meine freie Entscheidung, das zu tun?
Wenn ich Lippenstift auftrage und damit das Haus verlasse, dann möchte ich vor allem einer Person gefallen: Mir selbst. Wenn ich mir selbst nicht gefalle, werde ich nicht die engen Hosen tragen, auch keinen Pullover, nur weil ich denke, dass mich jemand darin reizend finden könnte.

Woman on Rock Platform Viewing City
Bild von Pexels. Zu finden hier : [x]

Feminismus ist doch mehr dafür da, die Gendernorm zu brechen, indem ich ihr ihre Norm aberkenne und stattdessen für mich selbst einstehe: Ich tue dieses und jenes, nicht, weil es mir wie vorgegeben scheint. Ich tue es, weil ich es tun möchte.
Ich lass mir von keinem sagen, ob ich Ingenieurin werden möchte, aber vielleicht möchte ich doch lieber Kindergärtnerin werden. Es geht nicht darum, dass wir alle anfangen, kurze Haare zu tragen, weil es für Frauen seit Jahrhunderten (tausenden?), als schön galt, wenn sie sie lang und offen trugen. Ich will nur die gleichen Rechte haben. Meine Weiblichkeit ist nicht damit ausgedrückt oder jemandem zum besitzen ermöglicht, nur weil ich gern Kleider und Röcke trage und über dreißig Lippenstifte besitze, die ich liebend gern benutze.

Der Witz ist doch einfach: Es soll einfach aufhören, dass man sich irgendwo hinstellen und sich rechtfertigen muss, wieso man sich als Frau so und so verhalten hat. Man verhält sich einfach. Das ist doch die Pointe des Feminismus oder?

Ist es nicht auch tödlich nervig, wenn wir uns jedes Mal hinstellen und verkünden müssen „Ich bin Feministin“?. Das hört sich für manche wie ein Glaubensbekenntnis oder eine Drohung an, aber eigentlich heißt es doch nur: Ich bin für Gleichbehandlung und Gleichberechtigung.

Hingegen einiger Meinungen macht es auch nicht zur perfekten, selbstbewussten Person, die nie neidet, nie eifersüchtig, gierig, ignorant oder weiß der Kuckuck ist. Ja, es gibt Prominente, die uns dabei einfallen könnten (zum Beispiel Emma Watson oder Gal Gadot), die ein Idealbild einer Feministin hervorrufen können, doch aber nur weil sie öffentliche Wirkung haben und weil man ihnen zuhört und sie ein großartiges Bild dabei abgeben, wie sie sich für ihre Rechte stark machen.

Aber dazu gehört doch auch: vermeintlich weibliche Eigenschaften wie Sanftheit, Hang zur Romantik, Feinfühligkeit, Empfindsamkeit, Aufopferungsbereitschaft nicht einfach als für Frauen reserviert zu betrachten und darüber hinaus: Sie nicht als schlechter oder schwächer zu bewerten. Es sind nur Charaktereigenschaften: Wieso muss man sie einer Gruppe von Menschen zuschustern? Kann es einem Mann nicht auch gut stehen, romantisch zu sein? Ist er deswegen gleich weniger männlich? Ist eine Frau weniger weiblich, weil sie eine Gruppe leiten kann, weil sie barsch und hartnäckig ist und viel flucht?

Aber an Feminismus und in diesem Zusammenhang an Gender-Equality zu glauben und ihr entgegen zu arbeiten, ist keine Superkraft. Es ist einfach das Bewusstsein, dass viele der Kategorien, die für uns Norm sind, künstlich geschaffen worden sind.

Die Debatte ist doch dafür da, Türen zu öffnen, nicht zu schließen. Feminismus ist: Für jeden jedes Geschlechtes, Alters, Aussehens, able-bodied und nicht able-bodied, für die Geschminkten und Ungeschminkten, für die, die Rosa lieben und die, die es nicht ausstehen können, für die Sport-Treibenden, damit sie schön sind, für die, die es machen, weil es Spaß macht und die, die keinen machen. Und für alle anderen auch.

Wir sind alle gleich toll.
(Das hört sich grammatikalisch so falsch an …)

Alles Liebe
Alisha



[BUCHREZENSION] Berühre Mich. Nicht. - Laura Kneidl

Sonntag, 4. Februar 2018

Inhalt:

Als Sage in Nevada ankommt, besitzt sie nichts – kein Geld, keine Wohnung, keine Freunde. Nichts außer dem eisernen Willen, neu zu beginnen und das, was zu Hause geschehen ist, zu vergessen. Das ist allerdings schwer, wenn einen die Erinnerungen auf jedem Schritt begleiten und die Angst immer wieder über einen hereinbricht. So auch, als Sage ihren Job in einer Bibliothek antritt und dort auf Luca trifft. Mit seinen stechend grauen Augen und seinen Tätowierungen steht er für alles, wovor Sage sich fürchtet. Doch Luca ist nicht der, der er auf den ersten Blick zu sein scheint. Und als es Sage gelingt, hinter seine Fassade zu blicken, lässt das ihr Herz gefährlich schneller schlagen ...


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Buch: Berühre Mich. Nicht.
Autorin: Laura Kneidl
Verlag: LYX
Taschenbuch: 462 Seiten
Sprache: Deutsch
Preis: 12,90 €
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DISCLAIMER:
Diese Rezension wird nicht restlos ohne Spoiler auskommen, da meine Kritik sich mit dem grundlegenden Umgang der Posttraumatischen Belastungsstörung der Protagonistin befasst und hierzu Textbeispiele angebracht werden.

Wir befinden uns momentan in einer Zeit, in der Diversität in Jugendliteratur ein Qualitätsmerkmal wird. Leser_innen fordern Romane mit Protagonisten, die bisher minderrepräsentierten Kollektiven entstammen. Dafür können wir nur dankbar sein, weil Diversität in der Literatur auf der einen Seite unseren Horizont erweitern kann und auf der anderen Seiten unseren Mitmenschen, die bisher kaum je unkomprimierte Identifizierungsflächen in der Literatur gefunden haben, Gelegenheit bietet, endlich Geschichten zu lesen, in denen sie die Helden sind.

Mit dieser Entwicklung geht jedoch eine gewisse Verantwortung einher, der Autor_innen sich nicht entziehen können, die Geschichten schreiben, die sich mit Diversität brüsten. Da die gesellschaftliche Mehrheit eine privilegierte Sozialisation genießt, ist der Blick auf die Wirklichkeit derjenigen, denen diese Privilegien nicht zuteil wurden, oft verzerrt. Es braucht in diesen Fällen also besonders viel Recherche, wie in unserem vorletzten Skepsiswerke-Beitrag schon angeklungen ist.

Womit wir zu Berühre Mich. Nicht. kommen, denn gerade im Fall von Sage und ihrem Leben mit der Angst hat es mir an solider Recherche extrem gemangelt. An dieser Stelle sei erwähnt: Ich bin nicht selbst betroffen - weder von einer generalisierten Angststörung noch von einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Alles, was ich an Wissen über diese Krankheiten habe, stammt aus meinem Psychologiestudium (Bachelor minor), insbesondere aus der Vorlesung über Klinische Psychologie.

Wir begegnen Sage als einer Protagonistin, die vor ihrer Vergangenheit flieht und alleine ins 3000 Meilen entfernte Melview zieht, um dort zu studieren. Auf den ersten Seiten wird klar: Sie flieht vor Misshandlungserfahrungen, ein paar Seiten später: es geht um innerfamiliären Kindesmissbrauch. Und worin zeigt es sich? In Angst vor Männern.

Bis hierhin – kein Problem. Im Gegenteil: bis hierhin hatte ich gute Hoffnungen für die Story. Denn ich hätte sie liebend gern gemocht – ein deutscher Bestseller mit einem Fokus auf einer Angstpatientin? Gott, wie ich das geliebt hätte. Und das hätte klappen können. Wir hätten ein mit Berühre Mich. Nicht. ein Buch bekommen können, über ein junges Mädchen, das sich aus einer schrecklichen Situation befreit und das mithilfe von Freunden (und Freunden, die zu mehr werden könnten) beginnt, sich ihr Leben zurückzuholen. Es aus den Klauen des Traumata zu befreien, das sie so sehr einschränkt, dass sie ihrem neuen Arbeitgeber am Anfang nicht die Hand geben kann, weil er zufällig ein Mann ist.

Mehr noch: ich glaube, Berühre Mich. Nicht. hätte mich Leichtigkeit dieses Buch sein können. So viel wurde angelegt, das so wichtig gewesen wäre. Sages Therapie wird thematisiert (wenn auch vor allem nur in ihren äußeren Merkmale ‚korrekt’ - die Dauer, bis es zur Behandlung kommt, die Kosten, die damit verbunden sind) und damit wird wenigstens angedeutet, dass es kein Fall von ‚Liebe heilt alles’ ist (wobei für die Gesamheit des Buches das zu hinterfragen bleibt). Außerdem sehen wir Sage in Angstsituationen mit passender Angstreaktion. Wir sehen in vielen Kontexten eine graduelle Verbesserung dieser Angst, Schritt für Schritt, und wir sehen die etlichen Vermeidungstaktiken, die sie implementiert, um ihrer Angst für einige Momente entkommen zu können. Wir sehen auch, wie sie ein stabiles soziales Netzwerk ausbaut, in dem sie Vertrauen finden und Kraft schöpfen kann.

Aber final hätte man jeden dieser Schritte weiter denken müssen, ihn gewissenhafter zu Ende führen. Sprechen wir zuerst über die Therapie, um zu verdeutlichen, was ich damit meine.

Auch wenn ich es unwahrscheinlich finde, dass eine junge Frau, die seit acht Jahren misshandelt wird, nie gegoogelt hat, was das mit ihr macht, und deswegen auch nie auf den Begriff Posttraumatische Belastungsstörung gestoßen ist, kann ich das als realistisch annehmen. Sage hat keinen eigenen Laptop, vielleicht war sie auch zu beschäftigt damit, ihre Familiensituation zu überstehen, okay. (Wobei immer wieder angedeutet wird, dass sie mit einer Schulpsychologin gesprochen hat, die den Begriff wiederum hätte kennen müssen). Spätestens aber, wenn sie das erste Mal auf ihre Therapeutin trifft, hätte sich die „Angststörung“, die sie angeblich hat, als das offenbaren sollen, was es wirklich ist: eine Posttraumatische Belastungsstörung.

Hier ein kurzer Informations-Input, damit wir alle auf demselben Stand sind:

ICD-10 Klassifizierung
F 43.1 Posttraumatische Belastungsstörung 1. Ereignis von außergewöhnlicher Bedrohung o. mit katastrophalem Ausgang 2. Anhaltende Erinnerung o. Wiedererleben der Belastung (Flashbacks, wiederholende Träume, innere Bedrängnis in ähnlichen Situationen) 3. Umstände, die der Belastung ähneln, werden vermieden. 4. Entweder a: Unfähigkeit, sich an wichtige Aspekte zu erinnern b: 2 Symptome einer erhöhten psychischen Sensitivität: Ein- & Durchschlafstörungen, Reizbarkeit / Wutausbrüche, Konzentrationsschwierigkeiten, erhöhte Schreckhaftigkeit 5. Die Kriterien 2, 3 und 4 treten innerhalb von 6 Monaten nach dem Ereignis auf.

In Sages Fall handelt es sich um ein Interpersonelles Typ-II-Trauma, das ein hohes Risiko für eine Posttraumatische Belastungsstörung bedeutet. „Nichtbehandelte PTBS führen zu höheren Raten von Familien- & Partnerschaftsproblemen, erhöhen Scheidungsraten sowie höhere Raten von Arbeitsproblemen bzw Arbeitslosigkeit. Für diese psychosozialen Komplikationen lassen sich u.a. die symptom-bedingten Beeinträchtigungen der Betroffenen (z.B. Vermeidungsverhalten, Konzentrationsschwierigkeiten, erhöhte Reizbarkeit) verantwortlich machen.“1

Womöglich mit Ausnahme der Wutausbrüche finden sich all diese Symptome in Sage wieder. Aber gut, hier ist es eine Frage von Begrifflichkeiten: obgleich die am leichtesten zu beheben scheint, mag sie auch den geringsten Impact haben.
Das Verhalten der Psychologin ist jedoch schwerwiegender: nicht nur, dass sie Sage bei ihrem ersten Treffen ihre Störung in den Mund legt und suggestive Fragen der Teufel der Psychologie sind, sie bittet Sage auch, einen vollkommen unbeteiligten Menschen mit zur Therapie zu bringen, bevor Sage auch nur die ersten Konfrontationsübungen unter therapeutischer Anleitung durchgeführt hat. Darüber hinaus spricht sie Sage in der Öffentlichkeit an, ohne dass Sage davor auf sie zugegangen wäre … was nicht den üblichen Standards von Umgang zwischen Psychologen und Patienten entspricht. Ich durfte Patienten auf der Straße nicht mal ansprechen, während ich mein FSJ in der Psychiatrie gemacht habe, um auch sicher zu gewährleisten, dass ihre Privatsphäre gewahrt wird.

Ich kann verstehen, wenn man diese Informationen nicht einfach hat. Die fliegen einem nicht zu, wenn man Laie ist. Aber aufs erste Googlen hin gibt es mehrere Links, die einen über mögliche Therapien informieren. Und wenn ich die Therapie darstellen will, so detailliert, dass ich Sessions minutiös wiedergeben, samt Dialog zwischen Psychologin und Patienten, erwarte ich mindestens dieses Level an Recherche. (Dass eine derartige Darstellung nicht nötig gewesen wäre, beweist Kneidl in Teil II der Reihe – in der Therapie noch thematisiert wird, aber nicht auf eine so detaillierte Weise, die dann Gelegenheit zu falscher Darstellung bietet.)

Und ich erwarte mir auch eine Konsistenz der Beschreibung des Krankheitsbildes, die nicht an jeder beliebigen Stelle der Bequemlichkeit des Plots weicht. Nur, weil ich mich in jemanden verliebe, schwindet meine PTBS nicht. Dass Luca für Sage, ohne jegliche therapeutische Anleitung, bald keine Angst mehr bedeutet, ist unwahrscheinlich. Das grenzt an Wunderheilung durch Liebe, wie sie im Rahmen psychischer Krankheiten schädlicher kaum sein kann. Während des gesamten Lesens konnte ich nicht vergessen, wie sich ein Jugendlicher fühlen mag, der diese Symptomatik zeigt und sich so gerne verlieben würde oder auch verliebt hat, aber über seine Symptomatik alleine nicht hinweg kommt. Wie frustrierend, wie schädlich muss das sein, entweder glauben zu müssen, man liebe nicht genug, oder darauf zu verzichten, sich Hilfe zu holen, weil man sich ja nur verlieben muss, um "geheilt" zu werden.

Und ich verlange hier nichts Unmögliches, aber wenn eine Szene, die als Flirt beginnt, aber bald alle Anzeichen von Nötigung enthält, keinerlei Angstreaktion in Sage auslöst, sondern zu einem Kuss führt, dann muss man sich fragen, welche Priorität die korrekte Darstellung des Krankheitsbildes neben dem Plot hatte. Auf zwei Seiten ignoriert er ihr „Nein“ sechs Mal; zieht sie zu sich/lehnt sich so nah zu ihr herüber, dass sie seinen Atem spüren kann; drängt sie fünf Mal, „es“ ihr zu sagen und manipuliert sie emotional [„Du schuldest mir etwas, Sage“ / „Ich habe meine Meinung geändert, und vielleicht ändere ich sie wieder, wenn du mir sagst, was ich hören will“ / „Sag mir, was ich hören möchte“] - vgl. S. 343-346).
Wer das Buch gelesen hat, weiß, wie ähnlich diese Szene denjenigen gewesen ist, die im Zentrum ihres Traumas stehen, und so attraktiv kann kein Mensch der Welt sein, dass ich die Parallelen überlese.



Und überhaupt – die Beziehung zwischen Luca und Sage. Während Luca mit der Geduld eines Engels gezeichnet ist und nie Erklärungen verlangt und scheinbar immer weiß, wie er sich richtig zu verhalten hat, belügt Sage ihn bis zum Ende, lässt ihn stehen, ohne sich je eine Erklärung abzuringen und erwartet dann, dass alles ganz normal weiter geht. Das wirkt auf mich schon höchst ungesund (für Luca), wird aber noch dadurch verschärft, dass die Beziehung der beiden als die eine angepriesen wird, in der sie vertrauen lernt. Die Beziehung, der sie „Heilung“ zu verdanken hat. Und auf knapp 800 Seiten (Teil I und Teile von Teil II) schafft sie es nicht, ihm die Wahrheit zu sagen? Wow. Was für eine inspirierende Beziehung. Was für ein Erfolg.

Was so schade ist. Weil Laura Kneidl einen wunderbaren Fokus auf die Freundschaften legt, die Sage knüpft und pflegt. Mit April, mit Megan. Aber auch mit Luca. Die Entwicklung dahingehend ist großartig. Sie entwickeln sich langsam, die Beziehungen, aber sie entwickeln sich (bis auf den PTBS-Teil) glaubwürdig. Man hätte eine großartige Geschichte daraus machen können, hätte man früher mit offenen Karten gespielt, hätte man sich Hilfe bei der Recherche geholt von Betroffenen, Psychologen oder auch nur Psychologiestudenten. Man, das macht die Enttäuschung bei mir nur bitterer, dass ich so viel Potential sehe und dann doch so viele verschenkte Chancen bemerken musste. Denn ich bin jeweils in drei Tagen durch die Bücher geflogen. Und musste mir nach dem Cliffhanger des ersten Teils den zweiten kaufen, sobald er rauskam. Sogwirkung? Ohne Frage.

Aber Sogwirkung alleine macht für mich ein Buch nicht gut. Vor allem nicht dann, wenn es sich mit Diversität schmückt und dann so wenig abliefert, wenn es an die korrekte Repräsentation dieser Diversität geht. Schade! Bei so viel Öffentlichkeit und Erfolg hätte eine ermutigende, ehrliche Geschichte über die Behandlung einer PTBS – auch im Rahmen von Freundschaften (und aufkeimenden Beziehungen) – so viel Gutes bewegen können.

Kira

B E W E R T U N G

TIEFE: 1/5 Punkte
CHARAKTERE: 3/5 Punkte
KONZEPTION: 2/5 Punkte
GESAMT: 6/15 Punkten
Kaufempfehlung: Nur mit einem mulmigen Bauchgefühl.



1 Zitat aus meinen Lernunterlagen, bereitgestellt von der klinischen Psychologin Prof. Dr. Jutta Backhaus.

[ALLTAG] „Guck mal, da ist dein Spiegelbild!“

Samstag, 27. Januar 2018
Seid ihr schonmal mit eurer Mutter verglichen worden?

Ich meine, mit sowas wie: „Du siehst ja genauso aus wie deine Mutter!“
Oder: „Du bist wie deine Mutter!“
Oder immerzu im Kollektiv, von Leuten oder Bekannten, die ihr nicht oft trefft: „Du und deine Mutter“ oder „[Eigenschaft] genau wie deine Mutter!“

Ich meine, nichts gegen meine Mutter und nichts gegen eure Mütter oder Väter oder wer auch immer der Verglichene ist, aber es hängt einem zum Hals raus oder? Da will man sich hinstellen und mal sagen, dass es anders ist. Aber palavert wird immer weiter.
Irgendwann gibt man es auf.

Und jetzt stellt euch mal vor, ihr habt einen Zwilling und erlebt es jeden Tag.
Dann hört man es übrigens nicht nur von Leuten, die man selten trifft, auch nicht nur mit Leuten, die man ständig trifft oder hin und wieder – das passiert mit Sicherheit auch auf jeder Party, die man gemeinsam besucht. Man wird auch in der Bahn angestarrt, mit dem Finger auf einen gezeigt und dann wird man angesprochen und mit Fragen bombadiert.

Das nächste kann ein Zwillings-Bingo werden. Vielleicht seid ihr ein Zwilling, der dem anderen einigermaßen ähnlich sieht oder ihr kennt welche und erkennt Fragen, die ihr selbst schon gestellt habt oder Formulierungen, die ihr verwendet habt.

(Ich (mit oder ohne) die liebe Laura habe alle diese Fragen bereits gestellt bekommen. Keine davon ist frei erfunden.)

  • Zieht ihr euch gleich an?
  • Macht ihr auch was getrennt?
  • Seid ihr in den gleichen Sachen gut?
  • Wer von euch ist in [irgendeine Tätigkeit/Schulfach/weiß-der Kuckkuck] besser?
  • Steht ihr auf die gleichen Typen?
  • Merkt ihr, wenn der andere krank ist oder Schmerzen hat, dabei seid ihr mehrere Kilometer weg beziehungsweise ganz woanders?
  • Wisst ihr, was der andere denkt?
  • Habt ihr in der Schule mal getauscht und kein Lehrer hat es bemerkt?
  • Wie geht es deiner Schwester? Vertragt ihr euch immer noch?
  • Was [Tätigkeit] deine Schwester heute?

Dann gibt’s noch die standatisierten Kurzformen für sie und mich:
  • die beiden
  • die Zwillinge
  • die Twins

Und? Habt ihr euch erwischt? Wenn nicht, ist doch schön. Wenn ja – es nervt. Es ist ermüdend. Ich bin nicht meine Schwester. Mein Hirn ist nicht mit ihrem verbunden. Ich bin ein Organismus, der ganz für sich selbst funktioniert und in sich arbeitet; meine Fantasie macht seine eigenen Farben, die unverbunden mit denen von Laura bleiben.


Foto von Sharon McCutcheon auf Unsplash


Es erscheint furchtbar niedlich, wenn man zwei Mädchen/Jungen gleich anziehen kann, weil sie am gleichen Tag geboren sind und sich ähnlich sind und vielleicht können sie bereits als Kleinkinder wunderbar miteinander kommunizieren, dass man ihnen gern eine höhere Verbindung andichten möchte. Aber es spiegelt für mich nur die eklige Welt der Klischees aus dem Fernsehen und aus Büchern wider, wo die Mädchen Hanni und Nanni heißen; einen Namen kriegen, der sich kaum vom anderen unterscheidet, wo sich eine beim Auftritt immer erst von der anderen abgrenzen muss, um für sich selbst wahrgenommen zu werden.
Ich will mich nicht von meiner Schwester abgrenzen müssen, um für mich selbst wahrgenommen zu werden.
Jeder andere muss sich ja auch nicht hinstellen und erstmal erklären, wieso er denn anders ist als seine Mutter.

Aber mittlerweile reagiere ich auf den Namen Laura genauso wie auf meinen eigenen.
Ich verbessere niemanden mehr, der mich versehentlich beim falschen Namen nennt.
In der Schule habe ich artig wiederholt, wenn meine Englischlehrerin erst Laura korrigiert hat und zu mir meinte, ich solle es ebenfalls sagen; schließlich dächten wir immer das gleiche und würden immer die gleichen Fehler machen.
Es wird gelächelt und abgenickt, wenn einem von uns zugerufen wird, wenn der andere auftaucht: „Guck mal, da ist dein Spiegelbild!“
Man resigniert auch, wenn Menschen nicht mehr mit dir sprechen oder wütend auf dich sind, weil sie ein Problem mit deiner Zwillingsschwester haben; es dauernd und immer wieder zu erklären, bringt bei manchen nichts mehr.

Beinahe hätte ich gerade einen Absatz begonnen, in dem ich selbstverständlich sage, dass wir uns auch ähnlich sind, aber dass wir uns unterscheiden, aber das fange ich gar nicht erst an; selbstverständlich ist das so. Wir sind zusammen aufgewachsen. Wir haben das gleiche Hobby. Wir haben uns einundzwanzig Jahre unseres Lebens ein Zimmer geteilt und wir sind beide noch am Leben. Wir sind auch gleich alt (auf den Tag genau, woooow) und ja, wir haben als Babies eine gemeinsame Sprache gehabt, was genau daran liegt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass wenn man zwei gleichaltrige Kinder zusammensetzt, die in ähnlichen Konventionen und Erziehungsmethoden aufwachsen und sie immer zusammen spielen lässt, dass sie eine Sprache entwickeln werden, wenn sie noch nicht sprechen.

Versteht mich nicht falsch, ich bin glücklich, einen Zwilling zu haben, mit dem ich min Hobby teile und der mich stets unterstützt. Ich bin auch froh, als Kind nie allein gewesen zu sein. Ich will nicht so tun, als wäre es der allergrößte Fluch, jemanden zu haben, mit dem man vieles teilt, denn das stimmt nicht.

Ich bin auch meinen Eltern dankbar, dass sie mich und Laura von Geburt an nie gleich angezogen haben, wenn wir es nicht ausdrücklich verlangt haben und dass sie uns immer individuell gefördert haben, bei was auch immer.

Am Ende bin ich meine eigene Person. Ich will für andere auch meine eigene Person sein, ohne an meiner Schwester gemessen oder mit ihr gemessen zu werden.

Deswegen denket dran, wenn ihr Zwillinge kennt: nennt sie freundlicherweise auch im Gespräch mit anderen nicht „Die Zwillinge“ oder „Die Twins“, sondern bei ihren Namen; stellt auch keine bescheuerten Fragen, falls ihr das jemals gemacht habt. Wenn's euch brennend interessiert, wie das mit dem Zwillingsleben ist, stellt Fragen, wie das so ist und was da läuft und fragt euch, ob ihr die Frage gestellt haben wolltet, wenn ihr einer von ihnen wärt. (Die Methode lässt sich übrigens einwandfrei auf jeden anderen Lebensbereich ebenfalls übertragen.)

Und zum Schluss: Habt einen schönen Sonntag.

Alles Liebe,

nur Alisha

[SCHREIBEN] Warum Recherche so wichtig ist

Sonntag, 21. Januar 2018
 Wir kennen es doch alle: Egal ob Leser oder Autor. Dieses Kribbeln, wenn man in eine neue Welt eintaucht. Neue Figuren kennenlernt, etwas über sie erfährt. Landschaften mit den Protagonisten bestaunt und sich über so manchen Uniprofessor im Büchlein ärgert.
Wir leben alle für dieses Gefühl, was Bücher uns vermitteln: Wirklichkeit. Eine andere Welt.
Und manchmal haben wir diese Bücher, bei denen wir dann auf einer Seite plötzlich stolpern. Mir ist das das ein oder andere Mal schon passiert – Wenn in den USA plötzlich Silvester mit großem Feuerwerk gefeiert wurde. Der vierte Juli flachfiel, Thanksgiving – Kann man das eigentlich essen? Angeblich kann da ja auch jeder immer alles studieren – Teuer? In den USA? Noch nie von gehört, das macht da doch auch jeder Depp.

Na gut, ich bin noch nicht auf alles davon gestoßen. Aber schon auf so Einiges. Und ich kann jetzt hier mit ziemlich guten USA, beziehungsweise New York Wissen glänzen, Kultur, Mentalität – wow, ein Yellow-Cab, aber in den äußeren Gebieten von Manhattan fahren auch die Green-Cabs, die die Leute auch aus anderen Boroughs und im nördlichen Teil von Manhattan fahren – aber ich könnte wahrscheinlich nichts darüber schreiben, wie das so in Singapur ist. Oder Santiago de Chile.
Weil ich mich einfach noch nie damit beschäftigt habe. Dementsprechend würde ich es jedoch vorsichtig angehen, beim Schreiben meine Geschichten dort spielen zu lassen, wenn ich nicht vorhabe, mich vernünftig über die Stadt/das Land zu belesen, durch das meine Figur sich bewegt.
Es ist heutzutage so leicht, sich zu informieren, wie Sitten und Bräuche in einem Land sind; Ihr könnt euch sogar angucken, wie die Landschaft ist, wieviele Etagen die Hochhäuser haben und wie viel Leute auf einen Quadratmeter wohnen. Ihr könnt euch sogar zu vermietende Apartments anschauen, in die eure Protagonisten einziehen könnten, wie sie liegen und welche Bahnen von dort fahren, wie lange sie brauchen werden und wie der Verkehr um eine bestimmte Uhrzeit ist.
Das Internet gibt alles her. Jeder, der ein Buch mal liest und tatsächlich aus dem Land kommt, in dem es spielt, wird jeden Fehler erkennen. Und wird sich fragen, wieso der Autor sich nicht mal die Mühe gemacht hat, herauszufinden, wie Thanksgiving gefeiert wird, das ein sehr, sehr wichtiges Fest für die US-Amerikaner ist.

Schlechte, beziehungsweise gar keine Recherche macht Bücher unglaubwürdig. Der Leser gerät ins Stocken. Er hinterfragt den Autor. Er fühlt sich schon ein bisschen betrogen.
Wobei das mit Städten und Ländern noch geht.





Was ist mit Krankheiten? Schon viel zu oft habe ich erlebt, dass in Büchern Krankheiten thematisiert werden, von denen der Autor keinen blassen Schimmer hatte. Krankheiten, die im Laufe des Buches vergessen wurden oder plötzlich „geheilt“ waren. Figuren, die emotional misshandelt wurden, aber nie, nie eine Spur davon getragen haben. Viele lieben Harry Potter (mir eingeschlossen), aber ist es nicht merkwürdig, dass Harry nie langfristig darunter gelitten hat, wie die Dursleys ihn behandelt haben? Er nie Vertrauensprobleme hatte?
Ich möchte nicht in dem Körper stecken, der Dinge durchleben musste, die Harry durchlebt hat und seine Entwicklung gelesen hat. Die das nicht beinhaltet hat.

Ihr macht eure Bücher nicht nur unglaubwürdig. Schlechte Recherche kann Menschen verletzen, deren Schicksal so „heruntergespielt“ wird. Ich als Laie, dem nie so wirklich klar gewesen ist, was das Verhalten der Dursleys IN WIRKLICHKEIT hätte auslösen müssen, hab alles geglaubt. All die Jahre hätte ich geglaubt, dass ein anderer, der das durchlebt, keine weiteren Schäden davonträgt. Nicht panische Angst hat, nach Hause zu gehen, sondern eben in seinem Trott lebt, wie Harry das mit den Dursleys getan hat. Genauso schnell Freunde findet. Beziehungen aufbaut.
Die Liste ist lang.

Recherche ist so wichtig, weil sie unser Buch authentisch macht. Manchmal passen Wahrheit und unsere Vorstellungen davon, wie bestimmte Dinge sind (egal, ob etwas gefeiert wird oder der Verlauf einer Krankheit oder die Folgen einer Misshandlung, etc, etc) nicht zusammen. Aber statt das zu ignorieren und auf Teufel komm raus mein Buch darüber zu schreiben, so wie ICH es mir vorstelle, ist absolut falsch, aus meiner Sicht verwerflich, weil man absolut Möglichkeiten hat, sich zu informieren und dies dann tun SOLLTE, und nicht nachvollziehbar. Mein Buch ist nicht authentisch, wenn ich Dinge erfinde, nur weil ich meinen Hintern nicht hochkriege, um mir das einzuholen, was ich brauche. Die Welt ist voller netter Menschen, die dankbar sind, wenn ich ihren Umstand/Herkunft/etc richtig beschreibe, erkläre und verlaufen lasse. Dann ist richtige Repräsentation gewährleistet. Dann ist ein Buch authentisch. Dann hat ein Buch, aus meiner Sicht, die Chance gut zu sein. Wenn ich weiß, was ich tue und worüber ich rede.

Und wenn mir das Thema zu groß ist und mir das zu anstrengend ist: Dann hat man (Frau) das Thema Thema sein zu lassen und das zu akzeptieren. Wir Autoren sind empathisch genug, um viele Dinge nachzufühlen, uns reinzudenken, aber wir sind nicht allwissend. Und wenn wir zu stolz sind, um das zuzugeben, dann haben wir noch eine Menge zu lernen.

Deswegen: Informiert euch. Fragt Betroffene. Selbst wenn ihr persönlich keine kennt: Die sozialen Netzwerke stehen euch offen. Schreibt in Foren, macht Anfragen. Lest auf Wikipedia. Auch die Unibib ist manchmal total hilfreich, besonders wenn es um psychologische Anliegen geht. Wenn ihr über Kriminalfälle schreibt, ist es eine Überlegung wert, mal bei der Polizei reinzuschnuppern. Oder ein paar Bücher zu lesen von Leuten, die das gemacht haben. Wir haben das Glück, uns von anderen inspirieren lassen zu können und trotzdem eigene Ideen zu haben. Also bitte: Inspirieren, nicht klauen. ;)
Recherche kann Spaß machen. Und selbst wenn nicht: Eure Zeit und euer Buch sollte es euch wert sein.
Oder zumindest euer Leser sollte es euch wert sein.
Lasst uns die Autorenwelt ein bisschen wissender und recherchierter machen.


Alles, alles aus Liebe,

Laura. ♥

[GESELLSCHAFT] Der Einzelkämpfer - eine Heldengeschichte?

Sonntag, 14. Januar 2018
Disclaimer: Der Text begann als Artikel für den Gemeindebrief ANGESAGT.

Photo by Helena Lopes on Unsplash.

In der Schule hatte ich einen Freund, A, der immer ein bisschen anders war als wir. Wir, das ist der Rest der Freundesgruppe – bunt gemischt, Mädchen und Jungen, die, die sich kennen, seit sie drei sind, und die, die erst in der fünften, sechsten, siebten Klasse zusammengefunden hatten. Wir waren zu acht, dann zu zehnt. Aber ganz egal: A war ambitionierter als wir alle.

Wir hatten Glitzervampire im Kopf und planten Übernachtungen & Filmabende & den Besuch im Heidepark. Verkrochen uns unter Bettdecken und sprachen leise über das Mädchen, das erst neu in unsere Klasse gekommen war und jetzt wieder gehen musste, weil es seine Essstörung doch noch nicht überwunden hatte. Wir hielten Interventionen, weil einer von uns sich in eine von uns verliebt hatte und alles, was uns so lieb und teuer war, auf Messersschneide stand.

Manchmal war A dabei, aber oft genug war er es nicht, denn er hatte andere Prioritäten: er plante seinen Erfolg. Erstellte sich einen 10 Punkte Plan. Mit Alternativen, Plan B, C und D, im Hinterkopf, um ja nicht zu scheitern. Um nicht mal den Gedanken ans Scheitern zuzulassen. Er arbeitete. Hatte bald seine eigene Firma. Aufträge zunächst vermittelt von seiner Mutter, aber bald war er auch abhängig davon eine feste Größe im Online-Marketing.

Wir anderen haben wir ihn dafür immer ein bisschen belächelt. Nicht gepieksackt, das nicht, aber rückblickend denke ich doch, dass wir ihn oft genug darauf reduziert haben, dass wir ihm diese soziale Rolle zugeschustert haben. A war nun einmal, wie er war. Achselzucken. Da zählte Geld mehr als bei uns. Überhebliches Grinsen. Solang er niemandem damit schadete, was machte das schon? Fakt ist: Sein Fokus wollte nicht dazu passen, dass wir noch Kinder waren und das nicht mehr lange sein würden, es also genießen mussten. Verantwortung und Arbeit und Geld verdienen, das würde uns noch viel zu früh an den Kragen gehen. Mit den Gedanken an diese Zukunft, mit As Ungeduld, sie endlich zu erreichen, kam für uns eine Unsicherheit. Wie viel sich ändern würde. Wie viel von dem, was wir jetzt nicht wegdenken konnten. Und mit der sind wir umgegangen, wie es vielleicht nur Kinder können: wir haben es vergessen, uns hemmungslos verliebt, ineinander, in andere, ins Leben, und nur in winzigen Fetzen einen Blick auf die Welt jenseits unseres Schulkosmos geworfen.

Jetzt? Einige Jahre später? Sind wir keine Kinder mehr. Niemand von uns. Manche von uns haben jetzt Kinder.

Und A? Hat's geschafft. Eigene Firma, Angestellte. Gutes, stabiles Einkommen. Lebt auf Malta. Der große Einzelkämpfer ist Held geworden, hat seine Mission erfüllt, darf die Lorbeeren ernten. Soll er auch. Hat er gut gemacht. Aber er ist Held für einen einzigen Menschen. Er ist nur Held für sich.

Wir hingegen … wir haben in der Zeit, in der er an seinem Erfolg gearbeitet hat, etwas gelernt. Über Freundschaft, über Gemeinschaft. Und als die Zeit kam, in der auch wir unsere Ambitionen entdeckt haben, war das etwas, auf das wir zurückgreifen konnte, in dem wir leben und hoffen und träumen und wachsen konnten. Jetzt reicht es uns nicht, viel Geld zu verdienen und ein hübsches Häuschen zu haben und einen fantastischen Lebensstil. Wir wollen jetzt Helden für Gemeinschaften werden – und meistens, weil wir privilegierte Kinder waren, die in dem Glauben groß geworden sind, dass die Welt uns offen steht, wollen wir Helden für die Menschheit werden.

Unsere Nische finden, Arbeit leisten, die anderen hilft. Wir bauen uns kein individuelles Denkmal. Wir wollen uns die Welt ansehen können und wissen, wo wir geholfen haben, um sie besser zu machen. Dass sich darin auch Selbstwerterhöhung verbirgt, okay, aber in unserem Streben sind wir nicht auf uns ausgerichtet. Und vielleicht sind das kleinere Heldentaten. Vielleicht müssen wir noch härter und länger für die Lorbeeren arbeiten. Vielleicht gehören sie auch nie wirklich uns, weil wir immer nur Teil des Teams sind. Aber es ist eine Weise die Welt zu sehen, sie zu verstehen und in ihr zu leben, die ich niemals missen will.

So, ich hab's gesagt. Ich will gesellschaftliches Engagement. Ich will Verantwortung für die Kollektive, in denen wir leben. Trotzdem bin ich die Letzte, die Ambition zu etwas erklären will, das man kritisch sehen müsste. In meinem Instagram-Profil steht prominent der Satz: „You are responsible for your own dream.“ Und ich glaube daran, felsenfest. Ich bin verantwortlich für meinen eigenen Traum. Ich bin verantwortlich für meinen eigenen Erfolg. Entweder ich tu Dinge, die mich meinem Ziel näher bringen, oder ich tue sie nicht und dann nähere ich mich meinem Ziel auch nicht. That's it. Für mich verbirgt sich darin viel Motivation. Also bin ich A vielleicht doch nicht so unähnlich.

Ich halte nichts davon, dass man sich aufopfern muss, in dem Dienst für die Anderen. Ich glaube, man hat ein Recht darauf, sich hinzustellen und zu sagen, dass sein eigener Erfolg auch wichtig ist. Dass (einem) Geldhaben wichtig ist. Dass ein gewisses Lebensstil (einem) wichtig ist. Das ist nicht minderwertig. Das ist nicht schrecklich selbstsüchtig oder egozentrisch.

Weil es nicht exklusiv ist.
Man kann seinen eigenen Erfolg wollen und sich darin engagieren, diese Welt besser zu machen.
Ich kann in einer Gemeinschaft leben, fühlen, denken und mich trotzdem auf mich selbst besinnen.
Ich kann zwei Ziele gleichzeitig haben. Ehrlich gesagt? Es tut uns gut, zwei Ziele gleichzeitig zu haben. Es tut uns gut, Ziele auf den verschiedensten Ebenen zu haben. Es tut uns gut, auch Ziele zu haben, die nichts mit uns zu tun haben, weil sie weder auf uns abzielen, noch unser Verdienst sind.

Denn es sind solche Zielkonstellationen, die unser Leben in einer komplexen Welt authentisch abzeichnen. Wir sind Teil von Gemeinschaften und wir sind Individuuen. Wir müssen uns für einander stark machen und dürfen darüber nicht vergessen, diese Stärke auch in unsere Identität einzubinden. Und wenn wir das hinkriegen, na ja, ich glaube, dann ist das schon irgendwie ziemlich heldenhaft. Oder etwa nicht? ♥

In aller Liebe,
Kira


[BUCHREZENSION] Wonderwoman: Warbringer - Leigh Bardugo

Sonntag, 7. Januar 2018
Inhalt:
Eigentlich will Diana, Tochter der Amazonenkönigin, nur eines: das Rennen gewinnen, in dem sie gegen die schnellsten Läuferinnen der Insel antreten muss. Doch dann erblickt sie am Horizont ein untergehendes Schiff und bewahrt Alia, ein gleichaltriges Mädchen, vor dem Tod. Doch wie Diana vom Orakel erfährt, ist es Alias Bestimmung, die Welt ins Unglück zu stürzen und Krieg über die Menschheit zu bringen. Um dies zu verhindern, reist Diana mit Alia ins ferne New York – und wird unversehens mit einer Welt und Gefahren konfrontiert, die sie bislang nicht kannte ...


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Buch: Wonderwoman: Warbringer
Autorin: Leigh Bardugo
Verlag: Random House
Taschenbuch: 376 Seiten
Sprache: Englisch
Preis: 6.99 €

Seit Neuestem auf Deutsch erhältlich.
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Ich kann meiner Familie danken, dass ich nie mit der Vorstellung aufgewachsen bin, Superhelden seien etwas für Jungs. Dass Spiderman New York rettet, durfte mich genauso inspirieren wie meinen Bruder. Aber dass es mit Wonderwoman jetzt auch auf großer gesellschaftlicher Bühne eine führende, weibliche Heldin gibt, bleibt etwas Besonderes.

Deswegen hab ich mich auch so gefeut, dass die erste Installation der DC-Icons Reihe Wonderwoman gilt. Im Vorfeld des Kinofilms hatte ich ein paar Comics schon gelesen und war von diesen leider sehr unbeeindruckt, da die Kürze (und in diesem Fall anscheinend auch die Ausrichtung des Mediums) meistens nur eine sehr oberflächliche Handlung / Charakterisierung zuließ. Von einem Roman mit gut 370 Seiten hab ich mir entsprechend mehr versprochen.

Und das auch bekommen.

»You do not enter a race to lose.«

Wir lesen von Wonderwoman, als sie noch nicht Wonderwoman ist. Im Gegenteil. Diana ist ein junges Mädchen mitten in einer Identitätskrise. Sie ist nicht wie ihre Amazonenschwestern. Aus Leim geformt und von den Göttern zum Leben erweckt hat sie sich ihren Platz auf ihrer paradiesischen Insel nicht verdient. Und dieses Bedürfnis, sich zu beweisen, treibt sie als Protagonistin an.

Diese Motivation begleitet uns in Diana durch das gesamte Buch. Denn sie prägt ihre Gedanken, ihre Reaktionen, ihre Entscheidungen – und ist dafür stellvertretend für das, was dieses Buch großartig macht: seine Charaktere. Nicht nur, dass sie Ziele haben, dass sie in sich schlüssig sind und man sich für sie interessieren kann, weil da mehr ist als Funktionalität, sie fühlen sich auf eine Weise echt an, die ich von Superheldengeschichten nicht immer gewöhnt bin. Das sind ganze Menschen, Haupt- wie Nebencharaktere. Zweien von ihnen dürfen wir in den Kopf gucken, Alia und Diana, denn aus ihren Sichten wird die Geschichte geschildert und es ist ein absoluter Gewinn, dass es beide Sichten gibt, denn durch Dianas Entrücktheit und Alias veränderten Blickwinkel auf alte Konstanten ist das Buch voll großartig alltäglicher und doch so essentieller Gedanken. Sei es Feminismus, sei es Freundschaft, sei es Identitätsfindung – da sich die Welt der beiden auf den Kopf stellt, kann nichts mehr einfach für gegeben gehalten werden und das zwingt dieses Buch dazu, Gedanken zu formulieren, die unsagbar schlau sind. Die, wenn sie auch nicht immer gutzuheißen sind, doch verständlich bleiben.

Womit wir auf ein Zweites kommen, mit dem Leigh Bardugo mich von ihren schriftstellerischen Fähigkeiten überzeugt hat: die Grauzonen. Das Mädchen, das Diana rettet, Alia, soll der Welt ihren Untergang bringen. Zumindest, wenn man sie nicht rechtzeitig umbringt. Das kann Diana nicht einfach akzeptieren und sucht nach einer dritten Möglichkeit. Dabei bekommt sie aber ganz ordentlich Gegenwind: denn manch anderer sieht nur, dass es die Welt vor einem allumfassenden Krieg zu retten gilt, und kann – obgleich er sich Diana und Alia gewaltsam nähert – dafür nicht wirklich zum Bösen erklärt werden. Bardugo handelt das sehr feinfühlig und wo es passt, sogar mit wunderbar philosophischem Tiefgang. Und macht mit dieser Ambivalenz auch nicht vor den einzelnen Charaktere Halt. Da liegt unter jeder Facette, die man kennenlernt, noch eine weitere.

»Sister in battle,« murmured Diana, »I am shield and blade to you.«
»And friend.«
»Always friend.«

Neben der Ambivalenz ist es auch die Dynamik der Charaktere und damit die Dynamik der Geschichte, die mich wieder und wieder zwischen die Buchseiten gezogen hat. Bardugo hat ein Händchen für Dialoge und schafft auf diese Weise schnell eine Chemie zwischen Leser und Figur, die sich ultimativ wie Freundschaft anfühlt. Man hofft für sie, man lacht mit ihnen, man ist dankbar für ihre Menschlichkeit inmitten eines übernatürlichen Plots gegen eine ohnmächtige / zu mächtige Siebzehnjährige. Es ist in dieser Hinsicht ein großartiges Jugendbuch, da die Nähe zwischen Leser und Figur die Erkenntnisse dieser coming of age Geschichte auf eine Weise vermittelt, die sich unmittelbar auf das eigene Leben übertragen lassen.

Und es ist außerdem eine Heldengeschichte, wie man sie sich für eine Superheldin wünscht (und wie Diana sie sucht). Die Mission ist klar, aber sie ist gefährlich und sie ist action-reich. Für mich war sie nicht vorhersehbar (rückblickend aber völlig logisch). Die Figuren mussten über sich hinaus wachsen, besonders, da sie sich Gegnern gegenüber sahen, die ihnen (mehr als) gewachsen waren. Es stand durchgehend wirklich etwas auf dem Spiel und es ließ sich nichts einfach nur dadurch lösen, dass man eben super ist. Alles Komponenten, die mich gerade nach den Comics, mit denen ich es probiert hatte, sehr positiv überraschten.

»Human courage was different from Amazon bravery. She saw that now. For all the suspicion and derision she'd heard from her mother and her sisters about the mortal world, Diana couldn't help but admire the people with whom she traveled. Their lives were violent, precarious, fragile, but they fought for them anyway, and held to the hope that their brief stay on this earth might count for something. That faith was worth preserving.«


Die Charaktere sind mein absolutes Highlight dieses Roman und mit ihnen die Leichtigkeit, mit der in einem Zusammenspiel von Alltag und Todesangst (philosophischer) Tiefgang geschaffen wird. Hier werden die ganz großen Fragen gestellt, ohne dass man sich das Antworten einfach macht. Und abgesehen von der recht ausführlichen Exposition gab es auch keine Stelle, an der ich das Interesse verloren hätte. Zum Ende hin konnte man deshalb auch nicht mal mehr davon sprechen, dass ich wissen wollte,wie es weiter ging. Ich musste es wissen.

Deswegen auch ganzen Herzens meine Empfehlung: lest dieses Buch. Habt ihr kleine Geschwister? Gebt es auch denen! Es ist ein Buch, das stark macht, während man es liest und nachdem man es gelesen hat. ♥

Kira


B E W E R T U N G

TIEFE: 5/5 Punkte
CHARAKTERE: 5/5 Punkte
KONZEPTION: 4/5 Punkte
GESAMT: 14/15 Punkten
Kaufempfehlung: Na, aber sowas von!


[ALLTAG] Frohes neues Jahr: Eine Liebeserklärung ans Potential.

Sonntag, 31. Dezember 2017
Lasst mich euch von einem Projekt erzählen, das ich in den Sand gesetzt hab.

Ein etwas gewöhnungsbedürftiger Einstieg in den letzten Skepsiswerkepost dieses Jahres, ich weiß. Verzeiht es mir. Auf Twitter hab ich schon ganz viele großartige Dinge gesammelt, die dieses Jahr passiert sind. Und wer mich persönlich kennt, weiß, dass ich mich alle Mühe gebe, dem Pessimismus nicht allzu viel Bühne zu gewähren.

Ihn will ich auch gar nicht weiter thematisieren, aber sein kleiner Bruder? Der Realismus, die Zusammensetzung von Tatsachen, die einfach einmal sein dürfen, bevor wir sie interpretieren und bewerten? Mit dem setz ich mich für den Jahresabschluss mal zusammen.

Und der sagt eben unter anderem: Kira, du hast die Weihnachtlichen Postboten in den Sand gesetzt. Ein Projekt, so viel sei zur Erklärung gesagt, bei dem ich wertschätzende Briefe an „die Menschheit“ schreibe, um die Magie eines Fests der Liebe wieder zum Leben zu erwecken. Diese Briefe hab ich im ersten Jahr ausgedruckt und an Fremde auf der Straße, in der Bahn, in der Uni verteilt. Im zweiten Jahr hab ich sie per Hand geschrieben und an Familie und Freunde addressiert. Dieses Jahr hätte es besser, größer, wirksamer werden sollen.

Und fast wäre es das geworden. Es gab eine Website, es waren (einige) Briefe vorgeschrieben. Und etliche Szenarien durchdacht, in denen ich Leuten Briefe überreiche und was ich dann sage, um sie davon zu überzeugen, dass es kein Kettenbrief ist, sondern bloß eine zwischenmenschliche Freundlichkeit.

Es gab also gute Gründe, aus denen das Projekt dieses Jahr besser hätte klappen sollen als im letzten. Etliche Gründe. Aber die Tatsache ist: das hat es nicht. Der November kam und ging und als ich in die vorgeschrieben Briefe reingelesen habe, hab ich nicht eine Zeile mehr ertragen können. Alles Floskel, alles schrecklich empfindlich, schrecklich viel Zeigefinger, ganz wenig Umarmung.

Man hätte sicherlich nicht viel Mühe, diese Diskrepanz zwischen dem, was ich wollte, und dem, was ich abgeliefert habe, auf den Sommer zurückzuführen, in dem diese Briefvorlagen entstanden und in dem ich mich erst fröhlich und dann zunehmend weniger fröhlich in meine Einzelteile zerlegt hab. Ganz schön viel Leistungsdruck auf der einen Seite, ganz schön wenig Vorsorge- und Fürsorgemechanismen auf der anderen.

Und es ist gut, diese Dinge zu wissen. Denn oft bemerkt man, wenn man sich einmal auf die Wahrheitssuche macht, sich der Analyse des Problems annimmt, dem Streben nach dem Verstehen, dass den meisten unserer Problemen die fehlgeleitete Wirksamkeit einer Persönlichkeitsstruktur zugrundeliegt. Ein Missverständnis darüber, was wir und wie wir etwas tun müssen, weil wir eben so sind oder noch viel schlimmer: weil wir eben nicht so sind, aber gerne so sein wollen.

Ich, zum Beispiel, rede mir seit Jahren ein: „Du brauchst Druck, unter Druck arbeitest du besser.“ Was ja sicherlich nicht weit hergeholt wird, weil ich unter Druck nicht die Nerven verliere und ich mich unter Druck besser fokussieren kann. Aber der Sommer dieses Jahres beweist – zu lange unter Druck gearbeitet und ich bin absolut zu nichts mehr in der Lage, selbst Monate später nicht.

Vielleicht muss ich also an den angenommenen Wahrheiten über mich selbst schrauben. Einen Weg finden, wie ich nicht nur unter Druck gut arbeite, sondern auch ohne Druck nachhaltig effizient und produktiv, ohne mich regelmäßig vom Boden aufwischen zu müssen. Ein Satz, der mich zu diesem Persönlichkeitsprojekt schon ein paar Jahre begleitet? If you're tired, learn to rest, not to quit.1 Vor ein paar Tagen bin ich wieder drüber gestolpert und ich denke, das wird mein 2018 Motto.

Womit wir beim großen Thema wäre, nicht wahr? Vorsätze.

Wir haben 2017 geschafft, wir haben auf 2017 zurückgeblickt und jetzt wenden wir uns in einer gesellschaftlich fokussierten Willkürlichkeit dem 1. Januar 2018 zu, ab dem wir ein besserer Mensch werden.

Und was hab ich für Vorsätze! Das muss man mir lassen. Mein Optimisten-Ich kombiniert mit den Ambitionen, die mein Slytherclaw-Herz mir ins Ohr flüstert, hat sie praktisch alle. Weniger Süßes essen. Überhaupt gesünder essen. Zurück zur vorbildlichen Sportroutine des Frühjahrs 2015. Mich weiterbilden, sei es im Aufbau einer Website, sei es bezüglich des Schreibhandwerks, sei es mein Weltwissen, sei es im Rahmen des Ableismus/des Klassismus, der noch immer so schnell mein Denken prägt. Das Studium ernsternehmen. Mich politisch engagieren. Öfter mal mutig sein. Öfter noch freundlich sein. Effizienter schreiben. Endlich den Sprung ins kalte Wasser wagen. Selbstliebe!!! Mehr lesen. Mehr sehen von der Welt. Chancen nutzen. Meine Kontakte besser pflegen. Menschen, die mir schaden, aus meinem Leben schmeißen. Die weihnachtlichen Postboten in etwas umbenennen, was weniger christlich geprägt ist, weil das nicht inklusiv ist. Und so könnte ich noch Seite um Seite füllen.

Der Punkt ist – um all das zu schaffen (und „zu schaffen“ meint nicht „zur Perfektion fertigzubringen“, sondern „dranzubleiben, nicht aufzugeben, wieder anzufangen, wenn's Pausen gab“), muss ich ein Mensch werden, der ich heute noch nicht bin. So wie ich hier heute sitze, trinke ich grad Eistee und esse Lebkuchenherzen, habe seit zwei Wochen keinen Sport gemacht und meine Lernzettel noch nicht fertig, ich hab gestern Abend noch gesagt „Du bist der Wahnsinn“, obwohl ich „Du bist großartig“ meinte und hab im Dezember höchstens 10 000 Wörter geschrieben und keine davon an einem Romanprojekt, das das Licht der Öffentlichkeit zu sehen bekäme. So wie ich hier heute sitze, hab ich mein Briefprojekt in den Sand gesetzt.

Aber – und das ist der spannende Teil dieser Zeit des Jahres – ich muss mir keine Sorgen machen, denn ich als Mensch bin noch nicht fertig. Und selbst, wenn ich all die Punkte auf der Liste abhaken könnte, wär ich noch nicht fertig. „Fertig“ ist keine Kategorie, die sich auf Persönlichkeiten anwenden lässt. Wir werden, wenn wir wollen, nur mehr wir. Weniger unkommentiertes Produkt unserer Umwelt und mehr bewusste, individuelle, kognitive Kontrolle. In vielerlei Hinsicht ist unser Verhalten gelernt. Es liegt an uns, uns der Lektionen bewusst zu werden und uns in einige der Kurse einzutragen, die uns dem Menschen näher bringen, der wir sein wollen.

Und wer weiß, ob es 2018 ein Briefprojekt geben wird.
Aber das Potential, das gibt es. Und ich, als die große Liebhaberin menschlichen Potentials, werde mein Bestes geben, um 2018 zu einem Jahr zu machen, in dem ich Potential erhalte, in dem ich es kultiviere und pflege, anstatt es bis zur Versiegung zu erschöpfen. Denn mit gepflegtem Potential, mit einem geliebten Selbst, mit einer nachsichtigen Gestaltung des Jahres, die Pausen nicht mit Scheitern gleichsetzt, kann man solches Potential ganz wunderbar umsetzen.
Und dann, danndanndann, kann es 2018 vielleicht sogar ein Briefprojekt geben.

In diesem Sinne,
kommt gut ins neue Jahr, ihr wundervollen Unfertigen.
Es ist ein Jahr fürs Wachsen und Aufblühen.
Ihr habt euch das verdient. Gönnt es euch. Ich glaub an euch.


In aller Liebe,
eure Kira ♥


1Wenn du müde wirst, lern dich auszuruhen anstatt aufzuhören.