Skepsiswerke

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[GESELLSCHAFT] Sum ergo communicato.

Sonntag, 19. November 2017


Ich bin, also kommuniziere ich.
Es ist mir gar nicht anders möglich.
Man hört Musik aus meinem WG-Zimmer, bekommt mich aber nicht zu Gesicht? Hab ich wohl meine Anwesenheit und meine Unlust, zu interagieren, kommuniziert.
Eine Kommilitonin sagt etwas Schlaues und ich hebe nicht nur die Augenbrauen, ich lächle sogar? Zack! Meine Anerkennung (und Zustimmung) kommuniziert.
Im Zug stehe ich auf, weil ein älterer Herr den Wagon betritt und sonst kein Sitzplatz frei ist? Wie auch immer wir es nennen wollen – Freundlichkeit, Anstand, Aufmerksamkeit – ich habe es kommuniziert.

Und das alles, bevor ich ein einziges Wort gesagt habe.
Nun sind wir aber eine Spezies, die wirklich viele, viele, viele Wörter sagt. Und ich gehöre noch zu einem ganz speziellen Schlag Mensch, weil mir Worte auch noch jenseits ihrer Funktion Spaß machen. Kommunikation macht mir Spaß.

Was noch nicht heißt, dass ich sonderlich gut darin bin, zu kommunizieren.

Did he see what I saw? Does he feel what I feel?1

Denn zu Kommunikation gehören immer zwei.
Was ich sage, wird von dir gehört.
Was du sagst, wird von mir gehört.
Nun weiß das jeder, der den Versuch unternimmt, sich mitzuteilen.

Und genau da liegt das Problem.
Wir denken mit. Wir denken bei dem, was wir sagen (oder nicht sagen), mit, wer es hören wird. Du denkst, du nimmst auf meine Gefühle Rücksicht, wenn du sagst, mein Zug fällt aus statt Ich hab heute keine Lust, wenn du unser Treffen absagst. Ich denke, ich würde zu willig erscheinen, wenn ich dir direkt nach dem Date schreibe, wie gern ich dich wiedersehen würde. Wir denken, unser Dozent hat uns auf dem Kieker, wenn wir ihm widersprechen. Wir denken, es ist zu peinlich, zu sagen, dass wir Justin Bieber, Musicals oder Barbiefilme mögen, und dass wir dann nicht mehr ernstgenommen werden.

Und genauso überinterpretieren wir alles, das uns gesagt wird: Ich denke, du hast in der letzten SMS keinen Smiley geschickt, weil du wütend auf mich bist. Du denkst, ich würde eifersüchtig werden, wenn du von dem Konzert erzählst, auf das du ohne mich gegangen bist, also sagst du lieber nichts dazu. Wir denken, jemand erwähnt etwas, das ihn nervt, weil wir es tun und er will, dass wir aufhören. Wir denken, dass eine Unterhaltung deshalb verstummt, wenn wir den Raum betreten, weil es um uns ging.

Und prompt ist aus dem gesagten C ein gehörtes abCde geworden. Oder gar ein gehörtes ABcDE.
Wieso?
Weil wir den Menschen unserer Umgebung mangelhafte Kommunikationsfähigkeiten unterstellen.

But what's it really about?
Is it really about a party, Cathy?
Can we please for a minute stop blaming and say what you feel?2

Ich war vor einer Weile auf einem Date. Wir kannten uns davor nicht, also ging es mehr um Find ich dich interessant genug, um dich nochmal zu treffen als um Oh mein Gott, all diese Schmetterlinge, was sag ich bloß, ahhhhhh. Und herauskam: nein. Sympathie, klar, aber sehr unterschiedliche Vorstellungen von dem, was wichtig ist, im Leben. Ebenbürtigkeit, okay, aber eben völlig andere Blickrichtungen.
Nur … wie sag ich das? Wie sag ich ihm, dass mich seine hunderttausend Nachrichten nerven? Dass ich nicht fünf Bilder vom selben Gericht sehen muss? Wie sag ich ihm, dass es mich enorm irritiert, wenn er meine Bilder schon als Handyhintergrund hat? Das wird er bestimmt falsch verstehen. Da kam es her, das große Ahhhhhhhhhhhh, das uns fast immer unfähig macht, überhaupt noch zu kommunizieren. Weil ih, Auseinandersetzung, ih.
Aber – nach einem absoluten Kommunikationsfail zu Beginn des Sommers – hatte ich mir versprochen, vor Auseinandersetzungen nicht mehr davon zu laufen. Also hab ich ihm geschrieben. Freundlich, aber klar.
Und siehe da, kein Wutausbruch, kein weinerliches Aber warum? Kein Versuch, mich emotional zu manipulieren oder mir ein schlechtes Gewissen einzureden. Keine Liebesschwüre, kein nichts. Ein Oh, okay, schade. Und alles war gut.

Ich sage nicht, dass es nicht Menschen gibt, die nur mehr schlecht als recht kommunizieren können.
Aber indem wir davon ausgehen, dass es so ist, machen wir sie zur selbsterfüllenden Prophezeihung, denn auch wir fangen an, schlechter zu kommunizieren.

Wir verstricken uns in Unwahrheiten und Versionen unserer Gefühle, die wir als sozial tauglich betrachten. Sei es das reflexhafte „Danke“ auf das gruselige „Na, Hübsche“ an der Bushaltestelle, das uns unsere Schritte beschleunigen und den Kopf senken lässt. Sei es geheucheltes Verständnis, weil man nicht in die Mitte eines Streits geraten will, aber nicht daran glaubt, dass Person A Verständnis dafür hätte, dass du auf der Seite von Person B stehst.

Und das stresst.
Das stresst so sehr, dass ich im Juli, unter anderem an meinem Geburtstag, dreimal täglich in Tränen ausgebrochen bin, weil mir der Spagat zwischen dem, was ich von mir wollte, und dem, was ich glaubte, der Welt schuldig zu sein, zu lange zu viel abverlangt hatte. Und nicht mal das traute ich mir zu kommunizieren, weil ich selbst guten Freunden von mir Worte wie „Ja, kein Wunder, bei denen Deadlines! Haha, selber schuld“ in den Mund dachte, die – als ich dann darüber gesprochen habe – natürlich, natürlich nur Worte der Aufmunterung und der Unterstützung für mich übrig hatten.

Kurzum: niemand gewinnt dadurch, dass wir schlechte Kommunikation als Status Quo annehmen.

When you're falling in a forest and there's nobody around,
do you ever really crash or even make a sound?3

Denn wir befinden uns in einem Zeitalter, in dem Kommunikation elementar ist. Wir haben uns mit dem Internet einen Darstellungsraum erschlossen, der einzig auf Kommunikation basiert. Was ich hier eintippe, in meinem hübschen WG-Zimmer in Bonn, aus dem man Musik hört, jenseits dessen man mich aber selten zu Gesicht bekommt, kann von dir gelesen werden, wenn du in Berlin, Singapur, London oder Houston feststeckst.
Was ich bei Instagram poste.
Was ich bei Twitter poste.
Was ich bei Facebook poste.
Es wird erstaunlich selten gelesen, wenn du ebenfalls in Bonn, womöglich sogar in dem WG-Zimmer neben an sitzt. Die Person, die kommuniniziert, ist im „echten“ Leben und im Internet nicht identisch, selbst wenn sie in beiden Fälle „Ich“ bin.
Durch eine Variante der Anonymität, die eigentlich eher eine (nicht allzu belastbare) Unüberprüfbarkeit ist, fällt uns internetbasierte Kommunikation viel leichter als die im echten Leben. Die Konsequenzen sind andere. Die Reichweite ist eine andere. Die Wirksamkeit ist eine andere. Die Möglichkeiten zur Selbstdarstellung sind andere, denn wir entscheiden, wann wir uns wo wie darstellen, während uns im echten Leben gar keine Chance gelassen wird, uns nicht darzustellen.

Im Internet gibt es etwa sich selbst kennzeichnende Kreise für meine Liebe zu Mark Uwe Klings Känguruchroniken. Im echten Leben nervt meine Besessenheit. Im Internet steh ich nicht allein da, wenn ich mich gegen whitewashing von TV-Serien und Filmen ausspreche. Im echten Leben wirkt es wie ein Problem, das eigentlich gar keins sein müsste, weil „sie es ja selber machen könnten, wenn sie's authentisch haben wollen“.

Und das lehrt uns eine fragwürdige Lektion: im Internet können wir „wir selbst“ sein, ohne uns dafür rechtfertigen zu müssen, denn es gibt Orte für uns. Gleichzeitig sind wir selten wir im Internet, denn wir sind fast immer auf die oder andere Weise anonymisiert (sei es in der Masse der anderen User, sei es durch Benutzernamen). Es kann sogar so weit gehen, dass wir im Internet dehumanisiert werden – denn wenn wir uns in Kreise verirren, in denen wir mit unseren Meinungen nicht willkommen sind, ist der Cyber-Mob nicht weit. Und ein Shitstorm im Internet nimmt Ausmaße an, die sich das „echte Leben“ meistens nicht traut, da es so viel leichter ist, einem Menschen dazu zu raten, sich umzubringen, wenn man nicht sehen kann/muss, was das mit ihm anstellt.

Im „echten“ Leben ist das etwas anderes. Da haben sich die meisten von uns deutlich besser im Griff. Wir verdrehen vielleicht die Augen, wenn jemand nicht aufhören kann, über neue Star Wars Episoden zu sprechen, aber wir gehen nicht zu Hunderten auf ihn los, weil er es gewagt hat, zu spoilern. Selbstkontrolle ist anscheinend gefragter als im Internet. Soziale Gefälligkeit ist gefragter. Und das beschneidet uns in unserem Kommunikationsverhalten.

So be kind, and don't lose your mind.
Just remember that I'm your baby.
Take me for what I am.4

Man kann von omg, i can't even und what is life und selbst von AHHHHHHHHHHH, also kurzum:
Fangegirle’, halten, was man will, aber man kann niemandem absprechen, sich nicht klar ausgedrückt zu haben. Wenn jemand derartig auf ein Kunstwerk reagiert, muss man sich nicht fragen, ob es ihm gefallen hat und was ihm daran gefallen hat, wird er dir auf Nachfrage auch ausführlichst erklären. Im echten Leben ist es manchmal schwer, mehr aus jemandem herauszubekommen als: Ja, ich mochte den Film. Die Actionszene war cool.

Wenn das aber alles ist, was an Emotion transportiert wird, aus Angst, soziale Konventionen zu verletzen und in unserer Begeisterung albern zu wirken, dann muss es uns nicht wundern, dass wir uns auch fragen, ob wir jemandem, den wir mögen, sofort die freudige Nachricht unserer Gefühle für ihn mitteilen dürfen oder ob wir nicht lieber noch drei Tage warten.

Wenn ich mich zensieren muss, um in ein Kommunikationsmuster zu passen, kein Wunder, dass ich annehme, dass andere das auch tun und ich in Gesprächen bloß Bruchteile ihrer Wahrheiten abbekomme. Aber auch kein Wunder, dass das mit der Zeit frustriert. Kein Wunder, dass wir uns mehr und mehr in die Internetpräsenzen stürzen, dass das Marketing-Konzept der etlichen Social-Media-Influencer ist, möglichst kennbar zu sein. Kein Wunder, dass wir uns im echten Leben fremder und fremder werden und immer öfter vor Rätseln stehen, wenn wir einen anderen mögen und ihn näher kennenlernen wollen, aber nicht recht wissen: wie.


New, and a bit alarming
Who'd have ever thought that this could be?
True, that he's no Prince Charming
But there's something in him that I simply didn't see.5

Und ich denke, dass alles, was hilft, unsere Bemühungen erfordert – ein bisschen ehrlicher zu kommunizieren, ein bisschen tiefer zu schürfen, ein bisschen weniger Konvention und ein bisschen mehr Neugierde. Vielleicht auch ein bisschen mehr Selbstdarstellung, um anderen zu zeigen, wie. Freundlich, aber klar.

Auseinandersetzungen sind vielleicht nur deshalb so gruselig, weil wir sie so lange vermeiden, dass es in Nulla Komma Zwei Sekunden nicht mehr um das eigentlich kontroverse Thema geht, sondern um alles, was wir dem anderen schon immer mal sagen wollten und es uns nie getraut haben.

Aber wollen wir es wirklich dem Ärger überlassen, der Wut, dem Zorn, das Gefühl zu sein, indem wir uns unserem Gegenüber ungeschönt zeigen können? Wieso nicht Begeisterung? Wieso nicht Freude? Wieso nicht Enthusiasmus? Ist nicht abzusehen, dass unsere Welt ein Stückchen heller würde, wenn wir uns öfter erlauben würden, wirklich zu strahlen anstatt nur zu lächeln? Das könnte doch deutlich spannender sein, oder?

Neu, ein bisschen aufregend, aber nichtsdestotrotz: spannend.

In diesem Sinne, alles aus Liebe,
eure Kira

P.S. Jap, das war 1-A Kommunikation, dass ich großer Musicalfan bin.


1Les Misérables: In My Life
2The Last Five Years: If I didn't believe in you.
3Dear Evan Hansen: Waving Through A Window
4RENT: Take me or leave me
5Disney's Beauty & The Beast: Something There

[BUCHREZENSION] Diabolic - Vom Zorn geküsst vo S.J.Kincaid

Sonntag, 12. November 2017
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Buch: Diabolic – Vom Zorn geküsst (Originaltitel: „The Diabolic“)
Autor*in: S.J. Kincaid
Verlag: Arena Verlag
Seitenzahl: 481
Preis: 18,99 Euro
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Inhalt:

Nemesis ist eine Diabolic. Ihr Leben dient nur einem einzigen Zweck: Sidonia zu beschützen, die die Tochter des Senators von Impyrean ist.
Als der Kaiser Sidonia an den Hof holen will, um dem rebellischen Verhalten des Vaters Einhalt zu gebieten, schlüpft Nemesis zum Schutz ihrer Herrin in ihre Rolle und gerät so in den Strudel aus Intrigen, Verschwörungen und Machtspielen, die am Hof lauern.
Als sie dort den wahnsinnigen Thronfolger Tyrus trifft, treffen Welten aufeinander – Sie die tödlichste Kreatur des Kosmos und er der verlachte Außenseiter, den alle unterschätzen.
Dass ausgerechnet diese beiden zusammenfinden, darf nicht sein. Denn am kaiserlichen Hofe ist Menschlichkeit eine gefährliche Schwachstelle.

Das Buch „Diabolic – Vom Zorn geküsst“ habe ich mir in einer sehr frustrierten Lesephase gekauft, in der mich Hauptfiguren aufgeregt haben – Hier ganz besonders Frauenfiguren. Meine Wahl fiel auf das Buch, da es von außen nicht nur wunderschön zu betrachten ist, sondern von innen noch mit Ranken verzierte Seiten hat. Zudem erschien mir die Thematik des Buches neu und so noch nie vorgekommen.

Wie aus der Inhaltszusammenfassung oben hervorgeht, ist Nemesis geschaffen worden, um Sidonia zu beschützen, und einzig und allen zu diesem Zweck. Dieser wichtige Ausgangspunkt ist in der Geschichte nie außer Acht geworden lassen und hat immer die wichtigste Rolle gespielt – Egal in welche Richtung sich das Buch entwickelt hat. Die Motive der Hauptfigur Nemesis waren lange Zeit und immer gefärbt von ihrer innigen Liebe, die sie für Sidonia hatte und auf die sie geprägt worden ist. Was unfassbar wichtig und großartig an diesem Buch ist.
Nemesis war über das Buch hinweg eine Figur, mit der ich mich nicht immer identifizieren konnte – Aber die dadurch unfassbar authentisch gewesen ist, weil sie sich selbst treu geblieben ist, selbst wenn einem die Handlungen, die sie vollzieht, nicht gefallen haben. Wahrscheinlich würde ich sie sogar als eine „starke Frauenfigur“ bezeichnen – Nicht nur, weil sie eisenhart und unnachgiebig sein konnte, ihre Meinung artikuliert und keine Angst vor der von anderen hatte, sondern auch, weil sie in der Lage war, zu leiden. Und weil sie immer wieder aufsteht, obwohl sie verwundet ist. Zu keinem Zeitpunkt der Geschichte hatte ich das Gefühl, sie würde nur in Selbstmitleid baden oder nur hart und arrogant zu anderen sein und sich dadurch Charakterstärke erlangen. Die wurde geschaffen, in dem sie ihren Motiven folgte – Und bis zum Schluss für sie einsteht.



Ebenso großartig war die Figur des Tyrus. Es war zu vielen Zeitpunkten der Geschichte schwer für mich, die Figur zu verstehen, da er selber Teil der Intrigen gewesen ist, die am Hofe vonstatten gegangen sind, aber das hat ihn als Figur so unberechenbar gemacht. Er ist eine durch und durch gelungene Figur gewesen, die vor allem im Genre des Fantasy-YA für mich geglänzt hat, da er durch Intelligenz interessant wurde, nicht durch gutes Aussehen.
Auch sehr gelungen war die Beziehung zwischen Nemesis und ihm – Die zu jedem Zeitpunkt in der Geschichte absolut ebenbürtig gewesen ist.

Sidonia, die ebenfalls eine wichtige Rolle in der Geschichte hatte, hat mich am Anfang etwas misstrauisch gelassen, allerdings explodiert für mich ihre Rolle im Laufe des Buches auf so großartige Weise, dass es mich zum Teil sprachlos hinterlassen hat.

Neben all den guten Figuren, wurden wichtige Fragen aufgeworfen, die man sich als Leser immer wieder selbst beantworten muss: Wer sind wir? Was macht uns zu Menschen? Ist das, als was andere uns betrachten, wirklich das, was wir sind?

Nemesis ist eine Diabolic. Und lange Zeit in der Geschichte ist sie der Meinung, dass es das Einzige ist, dass sie wäre. Maschinenartig wehrt sie Emotionen und emotionale Annäherungen ab, da ihr immer gesagt wurde, dass sie für diese nicht geschaffen worden ist und sie als niedere Kreatur, die nur gemacht wurde, um zu beschützen, kein Anrecht auf diese hätte. Sie sieht sich selbst als diese und ist in dem Buch sehr lange ihrem Schicksal erlegen, das sie als dieses akzeptiert hat.
Im Laufe der Geschichte jedoch entwickelt sie sich jedoch und wird mit Fragen zu ihrer eigenen Menschlichkeit und ihrem eigenen Wesen konfrontiert. Wer ist Nemesis, außer einer Diabolic? Wer sind wir unter all den Schichten, mit denen wir uns im Leben bekleiden, um in die Rollen zu schlüpfen, die uns zugeteilt werden?

Diabolic – Vom Zorn geküsst“ war ein sehr gutes Buch, das mich aus meiner langen Leseflaute holen konnte. Obwohl das Buch sehr dick gewesen ist, war es zumeist spannend und dicht erzählt (sodass ich immer wieder vorgeblättert habe, um herauszufinden, wie Szenen ausgehen.). Es gab ein paar Längen, die für mich jetzt nicht weltbewegend gewesen, aber trotzdem vorhanden gewesen sind. Durch eine relativ klare Erzählstimme von Nemesis ist man gut durchgekommen und immer in der Lage gewesen, die Geschichte zu verfolgen, ohne von den Gefühlen der Protagonistin erdrückt zu werden, die trotz der Ich-Perspektive und vielen Gefühlen, das Bild der Handlung nicht verzerrt hat.

S.J. Kincaids kann dem Genre des Fantasy-YA in vielen Punkten – vor allem bei der Charakterzeichnung und Motivation der Figuren – noch einiges vormachen. Am 02. November 2017 ist die Fortsetzung mit dem Originaltitel „The Empress“ erschienen – Und ich werde sie auf jeden Fall lesen.

B E W E R T U N G

TIEFE: 4/5 Punkte
CHARAKTERE: 5/5 Punkte
KONZEPTION: 4/5 Punkte
GESAMT: 13/15 Punkten

Kaufempfehlung: Auf jeden Fall! 
Vor allem aber für Leute, denen es um mehr als nur eine Liebesgeschichte in einem Fantasy-Universum geht (da das Buch deutlich mehr als eine Liebesgeschichte zu bieten hat.)

Alles, alles Liebe,
Laura.

[ALLTAG] Zoon Politikon - Warum Politik unser Leben bestimmt.

Sonntag, 5. November 2017
Mein politisches Interesse verdiene ich einem Jungen, in den ich ganz fürchterlich verliebt und zu dem unser Sozialsystem ganz schrecklich unfair war. Ohne den Kontrast seiner Erfahrung hätte ich ein sehr bequemes Leben im Rahmen meiner Privilegien hätte und wäre damit zufrieden gewesen. Erst die schmerzliche Diskrepanz zwischen seiner und meiner Welt, die Stigmatisierung seiner Herkunft, die Stigmatisierung seiner Krankheiten, das Bedauern, mit dem man die Neuigkeit unserer Beziehung mir gegenüber quittiert hat, hat in mir den unstillbaren Wunsch entfacht, die Welt zu verbessern, damit so etwas niemandem mehr passieren muss.

Davor war ich natürlich schon an meiner Umwelt interessiert. Ich hab mein Herz gebrochen für das Mädchen in meiner Klasse, das von ihren Eltern geschlagen wurde. Ich hab mein Herz gebrochen für das Mädchen, das zu uns kam und uns wieder verlassen musste, weil ihre Magersucht ein Monster war, das sich nicht mit einem Kampf besiegen lassen wollte. Ich hab mit der Freundin gelitten, die sich durch das Schulsystem gequält hat, obwohl ein anderer Weg so viel besser für sie gewesen wäre. Ich bange mit der Freundin, die aufgrund einer Belastungsstörung die Schule mit einem Fachabitur verlassen hat, das nicht ihre Kapazitäten wiederspiegelt, sondern bloß die Ungnädigkeit unseres Schulsystems, und die seitdem jedes Mal daran scheitert, den Ausbildungsplatz zu erhalten, der ihr vorschwebt und für den sie (menschlich) wunderbar qualifiziert ist.
Aber über Mitgefühl, über einen Besuch zuhause, um sie ein Wochenende lang zu beschützen, über Verständnis, über ein gemeinsames Lernen ging das selten hinaus.

Die Erkenntnis, dass meine Position mich nicht nur befähigt, sondern in eine Verantwortung stellt, dass meinen Beistandsbekundungen auch Taten folgen müssen, die kam später. Und das ist ein Teil meiner Realität, den ich vermutlich mit vielen von euch teile: Es braucht erst eine Erschütterung des eigenen Lebens, bevor man versteht, dass auch wir selbst a - betroffen und b – befähigt sind. Denn eine solche Erkenntnis setzt eine Menge Reflektion voraus: es ist genauso viel Selbsterkenntnis wie Erkenntnis über die Welt.

Aristoteles hat es vor vielen Jahrhunderten schon auf den Punkt gebracht: der Mensch ist ein zoon politikon. Soll heißen: ein soziales, auf Gemeinschaft ausgelegtes und Gemeinschaft bildendes Lebewesen. Wir können gar nicht anders. Uns liegt – unserer Natur entsprechend – daran, gut zusammenzuleben. Dafür akzeptieren wir, dass es eine Ordnung geben muss, die alle als Rahmen ihres Lebens akzeptieren.
Auf unser Leben übertragen: die Gesetzgebung des Bundesstaat, aber auch gesellschaftliche Konventionen, die eher ‚ungeschriebene Gesetze’ sind. Diese Ordnung wird (zumindest in Deutschland) nicht mehr als von Gott gegeben verstanden. Anders war das im Mittelalter, dort galt der König als Gottes Stellvertreter auf Erden und dadurch legitimierte sich sein hoher Stand und die Macht über seine Untertanen.
Heutzutage sprechen wir in Deutschland diese Macht einer Riege von Repräsentanten zu, aus deren Mitte die Regierung geformt wird. Diese Regierung besetzt verschiedene Ministerien und trifft Entscheidungen von bundesweiter Geltung, die alle Bereiche unseres Lebens betreffen. Da die einzelnen Politiker bzw ihre Parteien (in der Theorie) angegeben haben, wofür sie stehen, und über diesen Katalog ihrer Vorhaben ihre Wählerschaft errungen haben, stehen sie in der Erwartung, sich an diese Verkündigungen auch zu halten.

Nun gibt es zu jedem Thema mehr als eine Meinung. Meistens sind es widersprüchliche Meinungen, geboren aus unterschiedlichen Prioritäten, durchaus auch mit unterschiedlichen Zielen und einer abweichenden Idee davon, mit welchen Mitteln und Methoden man diese Ziele erreichen kann. Die Vielzahl dieser Meinungen wird zwar minimiert, indem wir Repräsentanten wählen, aber eliminiert wird sie nicht. Das heißt nichts anderes, als dass Kompromisse von Nöten sind.

Da dies so ist und sich mit der Wahl des ‚richtigen’ Repräsentanten noch nicht jedes Wahlversprechen erfüllt hat, ist es für uns von Interesse mitzuverfolgen, welche Entscheidungen getroffen werden. Ansonsten bemerken wir es nämlich erst, wenn unser alltägliches Leben – in der Gemeinschaft, die wir anstreben und bilden – von diesen Entscheidungen betroffen wird. Dieses zeitverzögerte Bemerken ist dann meistens eine eher unangenehme Angelegenheit.

Für mich heißt das: man muss die Politik im Auge behalten. Man muss, so trocken sie manchmal erscheinen mag, ein Blick darauf haben, ein Interesse dafür entwickeln, was dort oben für unser aller Leben entschieden wird.


Und wer es schwer findet, zu glauben, dass a l l e s Politik ist, obwohl es doch die eine Aufgabe ist, die Politik hat – unser Zusammenleben zu regeln – für den habe ich hier einmal einen kleinen Lebenslauf vorbereitet, der darauf verweist, wo unser Leben überall von Politik beeinflusst wird.

01 Alles Gute zum Geburtstag!

Es beginnt. Unter dem Aufwendung all unserer Kraft haben wir es auf die Welt geschafft. Was jetzt? Gibt es eine Hebamme, die sich um uns und unsere Mama kümmert? Haben wir das Glück, dass zwei liebende Menschen darauf warten, uns adoptieren zu können? Erfahren unsere Eltern genug Unterstützung durch den Staat, dass wir vergleichbare Chancen haben wie alle anderen Babies auch, auch wenn unsere Eltern vielleicht weniger Geld verdienen?

Das zukünftige Ministerium für Arbeit und Soziales wird das entscheiden: entweder es verbessern sich die Zustände im sozialen Arbeitssektor und Hebammen können wieder von ihrer Arbeit leben, ohne den persönlichen Ruin zu riskieren, oder nicht. Dann sieht es für uns Kinder schlimm aus.

Das zukünftige Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend entscheidet, wer uns adoptieren kann und welche Unterstützung diejenige Familie erhält, bei der wir am Ende landen, seien das biologisch oder juristisch unsere Eltern.

02 Home is where the heart is.

Stellt sich die nächste Frage: Wer kümmert sich um uns? Mama? Oder Papa? Können sie sich das leisten, dass jemand bei uns bleibt und uns in dieser Zeit bestmöglich zu fördern, die bestätigter Weise eine der prägendsten Zeiten unseres ganzen Lebens ist? Wird es von Papas genauso erwartet werden, sich um den Nachwuchs zu kümmern, wie von den Mamas? Hat unsere Mama eine Chance, wieder an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren, wenn wir erfolgreich in das Leben als Mensch auf diesem Planeten eingewöhnt worden sind?
Und wenn sie es tut, können wir auf einen Kitaplatz zählen, wo wir im Kontakt mit anderen Kids lernen, wie das so funktioniert mit dem Zusammenleben, wo Grundsteine unserer Kommunikationsfähigkeiten gelegt werden, Grundsteine unseres Selbstbewusstseins, unserer kognitiven Fähigkeiten, unsere Identität begründet wird? Sind die lieben Erzieher und Erzieherinnen, die sich dieser so wichtigen Phase unserer Entwicklung widmen, bestmöglich ausgebildet? Sind sie ausgeruht und ausgeglichen? Wach genug, um uns all das zu bieten, was wir brauchen, um uns zu Menschen zu entwickeln, die nicht erst lange Jahre damit verbringen müssen, schädliche Mechanismen wieder zu verlernen? Oder müssen sie drei Jobs haben, weil sie sich sonst nicht über Wasser halten können?
Oh, und wenn wir es dann in die Kita geschafft haben und richtig toben dürfen, draußen, uns im Dreck suhlen und unsere Körper kennenlernen, haben wir dann die beste gesundheitliche Versorgung? Oder könnte es sein, dass unsere Eltern über unsere Köpfe hinweg entscheiden, dass ‚Impfschutz’ gleich bedeutend mit ‚Autismus generierend’ ist?

Für Antworten behalten wir mal folgende Ministerien im Auge:
- Ministerium für Arbeit und Soziales
- Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
- Ministerium für Gesundheit

03 Drei mal drei macht sechs – oder nicht?

Schule! Gibt es etwas Aufregenderes im Leben eines Sechsjährigen? Vermutlich nicht. Zumindest nicht in der ersten Woche.
Wenn sich dann die Frage stellt, wie groß die Klassen sind, in die wir kommen, und wie gut die Lehrer ausgebildet sind, wie überfordert sie sind, wenn sie alleine vor Klassen mit dreißig Kindern stehen, die allesamt mit unterschiedlichen Bildungsstandards kommn und aus unterschiedlichen sozialen Milieus stammen, die manchmal vielleicht noch kein Deutsch sprechen können oder nie gelernt haben, dass man mit Emotionen umgehen kann, ohne (auto-)aggressiv zu reagieren, dann sieht das schon wieder ganz anders aus. Wie wird Inklusion funktionieren? Welche Maßnahmen werden getroffen, um den Kids unter die Arme zu greifen, die in ihrem kurzen Leben schon vor dem sicheren Tod weglaufen mussten und nur eine Chance auf eine Zukunft wollen?
Wie sieht es aus, mit psychologischer Unterstützung? Mit individueller Förderung? Was bekommen wir in der Mensa zu essen? Steht emotionale Intelligenz auf unserem Stundenplan? Wie werden die neuen Unterrichtskonzepte legitimiert, die man an uns ausprobiert? Wie sieht es mit Fahrradwegen aus, auf denen wir sicher in die Schule kommen? Können wir mit auf Klassenfahrt, auch wenn unsere Eltern sich die 600€ nicht mal eben so aus den Rippen leiern können?

Bei weiteren Fragen und für alle Antworten:
- Ministerium für Arbeit und Soziales
- Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
- Ministerium für Bildung und Forschung
- Ministierum für Ernährung und Landwirtschaft
- Ministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur


04 Hurra, hurra, die Schule brennt!

Grundschule geschafft. Jetzt geht’s erst richtig los. Hauptschule, Realschule, Gymansium? Gesamtschule? Wird diese Wahl irgendwann nochmal eine andere Bedeutung haben als: ‚Keine Zukunft’, ‚mit ein bisschen Glück eine Zukunft’, ‚ja, doch irgendeine Zukunft gibt’s bestimmt’? Wie lang werden wir in der Schule sein: Halbtags? Ganztags? Acht Jahre oder neun? Wird Informatik zur Allgemeinbildung gehören? Und was ist mit Steuern - werden wir lernen, wie Steuern funktionieren? Und Sexualunterricht? Werde ich mich dort wieder finden, wenn ich nicht (ausschließlich) an einer heterosexuellen Beziehung interessiert bin? Und was, wenn ich mich nicht mit meinem biologischen Geschlecht identifizieren kann? Was, wenn ich mich weder als (ausschließlich) männlich noch als (ausschließlich) weiblich empfinde? Werden, wenn wir unsere Tage bekommen, Tampons, Binden, Menstruationstassen staatlich subventioniert werden, weil der Menstruationszyklus üblicher Weise alternativlos ist?
Oh, und mein bester Freund seit der dritten Klasse? Der bestens integriert ist, aber plötzlich abgeschoben werden soll? Wird es einen Unterschied machen, wenn wir als Klasse das halbe Internet dazu bringen, für ihn zu unterschreiben, oder müssen wir damit zusehen, wie dieser Staat sein Leben ruiniert?
Und wenn wir in den Urlaub fahren, muss ich mit Passkontrollen an der Grenze rechnen? Widerfährt mir eine ungerechtfertigte Benachteiligung, weil ich einer andere Ethnie angehöre als die Mehrheit? Brauche ich ein Visum?
Was, wenn wir unsere Eltern uns sagen, wir müssen uns einen Job suchen, wenn wir den Führerschein haben wollen. Wie sind unsere Rechte da? Gibt es einen Mindestlohn? Wie viele Stunden dürfen wir arbeiten? Bis wann? Und wenn wir ihn dann haben, den Führerschein? Was tut der Staat für meine Sicherheit auf den Straßen? Gibt es wirksame Kampagnen gegen das Trinken am Steuer? Und was, wenn ich keinen Führerschein haben will? Gibt es eine gute Anbindung durch Bus- und Bahnlinien? Sind die Fahrradwege endlich ausgebaut? Oder kann ich, wenn ich die Umwelt schonen will, Elektroauto fahren?

- Ministerium für Arbeit und Soziales
- Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
- Ministerium für Bildung und Forschung
- Ministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur
- Ministerium für Inneres
- Ministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit
- Ministerium des Auswärtigen Amts


05 Lebe deinen Traum!

Es ist so weit – Schulabschluss in der Tasche! Der Ausbildungsplatz winkt. Der Kampf mit dem NC beginnt. Und was, wenn sich für mich keinen Platz findet? Hab ich ein Recht auf BAföG? Wenn nicht, reguliert jemand die Preise, die ich für meine Miete bezahlen muss?
Wenn ich neben der Ausbildung / dem Studium anfangen muss, zu arbeiten, gibt es Möglichkeiten, das meiste aus diesem Geld zu machen? Wie sieht das Rentensystem aus? Muss ich auf ein residuales Einkommen bauen? Welchen Anteil meines Gehalts richte ich als Steuern aus? Wofür werden sie eingesetzt?
Und nehmen wir an, ich habe meinen Abschluss – werde ich einen Arbeitsplatz finden? Habe ich als Frau dieselben Chancen als als Mann? Hab ich als Mitglied einer religiösen/kulturellen Minderheit dieselben Chancen wie ein Mitglied der Mehrheit? Ist die Bezahlung gleich? Werden die Frauenquoten erfüllt? Gibt es Programme, die die Ursachen angehen und nicht nur die Symptome? Wenn ich keinen Job finde, besteht die Chance, durch Zuwendung des Staates (HartzIV, Weiterbildungsangebote?) Hilfe dabei zu erhalten, auf die eigenen Füße zu kommen und bis dahin ein würdevolles Leben zu führen?
Was, wenn ich in eine Beziehung gerate, in der ich misshandelt oder vergewaltigt werde? Gibt es Hilfe vom Staat, schützt das Justizsystem das Opfer? Wieso zahlt meine Krankenkasse die notwendige Behandlung nicht? Werde ich ein Kind meines Vergewaltigers abtreiben dürfen? Darf ich das Kind eines missglückten One-Night-Stands abtreiben? Unterstützt der Staat junge Familie, wenn ich beschließe, das Kind zu behalten?
Ich bin über achtzehn – kann ich fürs Militär eingezogen werden? Und wenn ja, mit welchen Ländern stehen wir im Krieg? In welche Konflikte greifen wir wie ein?
Steuern wir auf den nächsten Unfall in einem Atomkraftwerk hin? Oder warten wir nur darauf, dass unsere

- Ministerium für Arbeit und Soziales
- Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
- Ministerium für Bildung und Forschung
- Ministerium des Auswärtigen Amts
- Ministerium für Finanzen
- Ministerium für Wirtschaft und Energie
- Ministerium für Verteidigung
- Ministerium für Gesundheit

Da dieser Blogeintrag schon jetzt viel zu lang ist, werde ich an dieser Stelle aufhören. Ich denke, mein Punkt ist deutlich geworden.
Politik ist überall.
Politik bestimmt alles.
Ob wir es wissen oder nicht, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Niemand von uns ist unpolitisch, denn niemand von uns existiert in einem Vakuum. Unser Zusammenleben wird durch die Politik geregelt. Diese Aufgabe in blindem Vertrauen aus den Händen zu geben, hat sich in allen Fällen als untragbar heraus gestellt.
Es obliegt uns, mitzugestalten. Es obliegt uns, darauf zu pochen, dass die Politik den Menschen dient und nicht etwa der Wirtschaft. Es obliegt uns, Forderungen zu stellen und ‚falsche’ Ideen entschieden zurückzuweisen.

Derzeit gibt es folgende Ministerien. Sie haben allesamt Webadressen, auf denen sie sich und die Bereiche unseres Lebens vorstellen, die sie beeinflussen. Im Folgenden sind sie verlinkt:


Denn es gilt: Unwissenheit schützt vor Betroffenheit nicht.
In diesem Sinne, auf ein entschieden politisches Zusammenleben,

deine Kira

[SCHREIBEN] Ableismus, Sexismus, Klassismus und Rassismus in Büchern - wie gehe ich als Schreibende*r an dieses Thema heran?

Sonntag, 29. Oktober 2017
Ich bin weiß, cis-gender und hetero. Privilegiert, ja, ohne, dass ich was dafür kann, aber vor allem unverdient. Ich bin geboren worden und war privilegiert. Ich habe nichts besonderes geleistet und trotzdem gehöre ich zur von der Gesellschaft stigmatisierten Norm.

Es gibt viele großartige Artikel zu den in der Überschrift angesprochenen Themen (bei Schreibwahnsinn erschien eine kleine Reihe mit drei Artikeln zu dem Thema, beziehungsweise Themen, die damit verwandt sind: (Klick!) (Klick!) (Klick!). Ein weiterer Artikel zum Kritischen Lesen erschien auf Elifs Blog. Weitere Anlaufstellen, um sich über Themen wie Klassismus, Rassismus, Sexismus und Ableismus zu belesen, sind unter anderem EveryDayFeminism und The body is not an apology.

Ich bin selber Autorin, schreibe an meinen eigenen Büchern und bin so jederzeit an Wort und Schrift gebunden, um das, was ich erzählen will, auch erzählen zu können. Ich hab mich mit Themen wie Klassismus, Sexismus, Rassismus und Ableismus nie so sehr auseinandergesetzt wie derzeit. So viele Begriffe, die andere diskriminieren, sind mittlerweile in den alltäglichen Sprachgebrauch übergegangen, dass sie nicht mehr geahndet werden. Manchmal, und das ist wesentlich erschreckender, werden sie nicht mal bemerkt. Beispiele für alltägliche ableistische Bemerkungen kann man gleich auf der Startseite von Leidmedien finden: wie es zB. von jemandem, der im Rollstuhl sitzt, erlebt wird, wenn ein anderer sagt, dieser Mensch wäre „an den Rollstuhl gefesselt“.

Aber wie gehe ich als Autorin, die dem nie begegnet ist außer in Erzählungen und Niederschreibungen anderer, damit um?

Meine Figuren sollten divers sein, ja. Verschiedenen ethnischen Gruppen angehören, unterschiedlichen Religionen oder keinen. Able-bodied ist kein Kriterium, um in meiner Geschichte vorzukommen, ebenso wenig wie die sexuelle Orientierung oder soziale Herkunft.

Aber: Ich weiß nicht, ob ich als hetero Weiße unbedingt etwas über Homophobie oder Rassismus schreiben sollte. Reicht Empathie? Darüber kann man sich streiten. Diese Themengebiete sind besonders Own-Voices vorbehalten. Ich bin nicht dagegen, dass man die Themen anreißt, wenn man beispielsweise eine*n schwarze*n oder homosexuell*e Held*in hat, aber ich genieße das mit großer Vorsicht. Am Ende kann jeder schreiben, was er will, aber hier gilt: Recherche. Alles, was wir niederschreiben, alle Behauptungen, die wir aufstellen, machen wir nicht zB. über einen Beruf, wo Fehler zu verkraften sind, auch wenn es unglücklich ist. Wir sprechen über Menschen in Communitys, die diskriminiert werden. Die brauchen wirklich keine Privilegierten, die noch falsche Aussagen über sie machen, aber zeitgleich der Meinung sind, sie könnten ihnen damit helfen. Aus meiner persönlichen Sicht braucht kein Mensch noch ein Buch einer weißen Person, die aus ihrer Sicht Rassismus beschreibt und andere über Rassismus aufklärt.

Aus der Sicht einer nicht der stigmatisiertn Norm angehörenden Person zu schreiben, beispielsweise einer Person, die nicht hetero ist, heißt: Ich muss alles tun, was ich kann: in Foren lesen, auf Internetplattformen, Websites, Own-Voice-Bücher. Mit Menschen sprechen, die nicht heterosexuell sind und nach sensitive-Readern suchen. Aber auch: Kritiken von Menschen, die selbst betroffen und falsch dargestellt sind, ernst nehmen. Sehr, sehr wichtig!

Allerdings geht es nicht nur um Themen. Es geht auch um Sprache. Diskriminierende Sprache ist für viele kaum noch sichtbar (besonders frequent im Usus sind Worte wie „dumm“ und „verrückt“), an anderen Stellen kommen dann Argumente wie: Menschen reden nun mal so! Bezogen auf Worte wie: „Das ist ja behindert!“ oder „Das sieht voll schwul aus!“ oder „Du siehst aus wie ein Penner!“

Kann ich nicht widersprechen. Ja, es ist leider wahr, Leute reden so. So zu tun, als würden Menschen das nicht tun, indem man Bemerkungen wie diese in Büchern einfach außen vorlässt, ist eine Möglichkeit. Dann ergeben sich Fragen nach der Authentizität: Wenn meine Figuren das Wort „dumm“ nicht mehr verwenden dürfen oder sich gegenseitig nicht mehr „Idiot“ oder „Spast“ nennen können, „dabei macht das doch praktisch jeder“, wie glaubwürdig ist es dann noch?

Wenn man damit etwas zur Figurenzeichnung beitragen will, soll man das tun. Man sollte nur aufpassen, wie man das tut. Es reicht nicht, es nicht so zu meinen, wenn wir andere damit verletzen. Es reicht auch nicht zu sagen: Das hab ich doch gar nicht gemeint! Unwissen schützt vor Strafe nicht. Wenn jemand uns beleidigt und anschließend sagt: Hab ich doch gar nicht so gemeint, nun hab dich mal nicht so, dann sind wir trotzdem traurig. Dann sind wir trotzdem beleidigt. Wir wollen mit unseren Texten jemanden erreichen und wir wollen niemandem schaden. Dann sollten wir auch erkennen, dass Sprache unser Werkzeug ist und wir unser Werkzeug zum richtigen Zweck gebrauchen sollten.

Beispielsweise schreibe ich selbst eine sexistische Figur, die sich über Frauen lustig macht, feministen-feindliche Kommentare ablässt, und sich ableistischer Sprache bedient. Für mich funktioniert das allerdings auch nur, weil die Figur für ihr Verhalten während der Geschichte geahndet und zur Ordnung gerufen wird. Bemerkungen werden kommentiert, thematisiert und problematisiert.

Die Figur ist weiß und männlich und damit gesellschaftlich privilegiert. Ich bin selber oft mit anti-feministischen Bemerkungen konfrontiert und kriege so die Möglichkeit, über ein Thema zu sprechen, das mich selbst betrifft. Andersherum schlüpfe ich auch, beispielsweise, als privilegierte Personen gegenüber Menschen mit Beschränkungen, in die Position desjenigen, der einen anderen für seine abnorm beschissenen Kommentare kritisieren muss. Das ist für mich auch die Rolle, die ich in meinem Alltag habe: Ich kann nichts tun, als über das Thema zu sprechen, andere darauf aufmerksam zu machen, das Thema anzusprechen und sie notfalls zu korrigieren.

Am Ende kann ich keinem vorschreiben, wie er irgendwas zu machen hat. Divers schreiben zu wollen ist der erste richtige Grundsatz, denke ich. Bücher bilden die Gesellschaft ab und sind wir mal ehrlich – unsere Gesellschaft besteht nicht nur aus weißen Menschen, die zufrieden mit ihrem angeborenen Geschlecht sind und auf das andere Geschlecht stehen, nebenbei kerngesund sind und alle stets schick gekleidet und gut gebildet durch die Gegend wandern . Und wenn wir Menschen lieben, sollten wir nicht vergessen, Liebe zu zeigen. Liebe fängt damit an, gut zu jemandem zu sein. Lasst mal alle gut zueinander sein, in jedweder Art und Weise.


• Alisha

[GESELLSCHAFT] Du bist ja sowasvon Mainstream!

Sonntag, 22. Oktober 2017

Wie geht es euch bei dieser Anschuldigung? Denkt ihr sofort: Was? Nein – Ich bin nicht Mainstream. Ich bin nicht Mainstream, weil ich auf der Straße keine Leggins mit Airs anziehe. Weil ich keine Pop-Musik höre. Und Twilight fand ich ja schon scheiße, als es noch alle toll fanden. Partys find ich blöd – Das machen doch nur irgendwelche Leute, die dem Gruppenzwang erliegen.

Ich bin überhaupt nicht Mainstream.

Fassen wir uns alle mal an die Nase, denn ich glaube, das könnte jedem schon mal passiert sein: Eine Gruppe von Menschen tut irgendetwas, sie mag irgendetwas und es ist super im Trend.
Also bin ich (der Mensch) erstmal skeptisch oder find's scheiße. Oder sag zumindest, dass ich mich erstmal gar nicht dafür interessiere.
Mainstream halt. Keiner will dazu gehören, aber irgendwie kommt er zustande.

Was ist denn überhaupt „Mainstream“? Da hab ich mir mal erlaubt, im Duden-Online nachzuschauen. Kurz zur Übersetzung: Mainstream stammt aus dem Englischen und ist mit Main – Haupt und Stream – Strömung zu übersetzen. Gut Deutsch: Hauptströmung.
Dazu teilt uns Duden in Bedeutung zwei folgende Bedeutung mit:

(oft abwertend) vorherrschende gesellschaftspolitische, kulturelle o. ä. Richtung“. Ich kann's auch nochmal klar und so sagen, wie es für alle klingt: Mainstream ist, was alle mögen.

Aber was ist eigentlich so schlimm daran, „voll Mainstream zu sein“?

Ich hab es selbst schon tausend Mal zu hören bekommen: Ich hör Popmusik. Ich mag Popmusik, auch wenn sie Mainstream ist. Ich mochte Twilight früher auch (inzwischen bin ich der Phase entwachsen, das stimmt auch) und ich bin halt sonst auch nicht so fancy und speziell, wie man das erwarten kann. Aber sollen wir uns jetzt davon angegriffen fühlen, „Mainstream“ zu sein? Soll das jetzt ernsthaft eine Beleidigung sein?

Für viele ist es das. Denn Mainstream heißt übersetzt: Du magst, was jeder mag. Du magst es nur, weil jeder es mag. Du magst es, weil du halt oberöde und stinknormal und gar nicht fancy, crazy, scharfsinnig, zuende gedacht bist. Du hast gar keine eigene Meinung, sondern gehst mit dem Trend. Style? PAH. So läuft doch jeder rum. Du bist ja sowasvon langweilig. Du magst nichts Spezielles. Du bist austauschbar mit deinen anderen Mainstream-Mitmachern, weil ihr halt sowieso alle gleich seid.

Na, wie klingt das? Das ist, was ich höre, wenn mir jemand sagt, ich sei „Mainstream“. Denn welch andere Bedeutung soll es haben, wenn es jemand gegen dich verwendet?

Eigentlich heißt es ja nur: 
Du magst, was viele mögen. 

Aber es wird zu einer Beleidigung gemacht.

Wisst ihr, was beleidigend ist? Leuten sowas damit zu vermitteln. Denn scheiß drauf, ob ihr all diese „Mainstream“-Sachen mögt. Wenn ihr sie mögt, geht’s die Leute nichts an, ob es noch andere tragen. Stellt euch mal vor, wie viele Leute den gleichen Pulli wie ihr gekauft haben. Wie viele Leute berühmten Pop-Songs hören und super finden. Leggins anziehen mit Airs, einfach weil sie's schick finden.

So entsteht Mainstream: Dadurch, dass Leute was cool finden. Schick. Irgendwie so rumlaufen wollen. Musik hören, die sie mögen. Bücher lesen, die sie super finden. Und offenbar sind das SEHR, SEHR viele Menschen und deswegen ist das Mainstream.

Wisst ihr, was auch beleidigend ist?

So zu tun, als ob man Dinge nicht mag, nur um anders zu sein. Ich sage jetzt betont „so zu tun“, denn es ist super in Ordnung, wenn jemand nichts von den Dingen oder anderen „Mainstream-Sachen“ mag, die ich genannt hab. Aber wir kennen sie alle diese Leute, die jedem erzählen: Also das lese ich nicht, das ist ja total Mainstream. Das lesen doch nur verblödete Leute. Oder:
Popmusik ist sowasvon scheiße. Das ist nur irgendwelches Mainstream-Zeug und alles klingt sowieso gleich. Oder wenn Frauen in Airs und Leggins MAINSTREAM TUSSEN hinterher gerufen wird. A) Haben wir Menschen echt nichts anderes zu tun, als uns eine Meinung über den Geschmack anderer zu bilden? Ich kann über meine eigene Sicht der Dinge reden und meine Meinung anpreisen, aber holy Shit, einfach mal Maul halten, wenn ich über andere urteile. Guckt erstmal in den Spiegel. B) Ihr beleidigt euch selbst, wenn ihr Dinge verpasst/verurteilt/verachtet, NUR weil ihr anders sein wollt. Alles tut, um NUR nicht zum Mainstream zu gehören.

Wenn ihr euch eigenständig eine Meinung gebildet habt – Dann ist es okay zu sagen: Hey, das ist nicht so meins.

Und dann ist es cool. Jeder kann mögen, was er mag, unabhängig davon, wie viele Leute es mögen. Hauptsache, man hat 'ne Meinung.

Natürlich gibt es Leute, die beim Mainstream nur Mitläufer sind. Machen, was andere machen. Mögen, was andere mögen, um dazu zu gehören.

Aber ich sag euch was: Der Anti-Mainstream hat ebenso seine Mitläufer.

Wisst ihr, was ich am Mainstream übrigens super finde? Dass wenn ich ein Buch super finde oder ein Lied oder eine Kleidungsart – Ich kann mich mit anderen super drüber unterhalten. Und mit so vielen Menschen. Das ist Wahnsinn.
Ist es nicht toll, wie uns Dinge einen können, ohne uns gleich zu machen?

Denn selbst wenn ich und meine Nachbarin heute den gleichen Song hören, das gleiche Buch lesen und die gleiche Kleidung tragen – und alles davon mega finden – bin ich immer noch ich und sie immer noch sie.

Wir mögen die gleichen Dinge, ohne dabei unsere Persönlichkeit aufzugeben. 

Also lasst uns mal alle eine eigene Meinung haben. Vielleicht ist die genauso oder ähnlich wie die von vielen anderen. Vielleicht ist die total anders. Vielleicht sollte mir scheißegal sein, wie viele Leute meiner Meinung sind und's so machen wie ich.

In meinem Leben geht’s schließlich um mich und keinen anderen.


• Laura

[BUCHREZENSION] Little Bee von Chris Cleave

Sonntag, 15. Oktober 2017

Trigger Warnung:
In der folgenden Rezension wird knapp – im besprochenen Buch ausführlich und konkret – über Suizid, Vergewaltigung, Misshandlung und Rassismus gesprochen.

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Buch: Little Bee
Autor*in: Chris Cleave
Verlag: dtv (Deutscher Taschenbuch Verlag)
Seitenzahl: 317 Seiten
Preis: 9,95€
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Inhalt:

Manchmal wünscht sie sich, sie wäre eine englische Pfundmünze: dann würde sich nämlich jeder freuen, sie zu sehen. Little Bee ist 16 Jahre alt und stammt aus Afrika. In ihrer Heimat ist ihr Schreckliches zugestoßen, seit zwei Jahren lebt sie in einem englischen Abschiedelager für Asylbewerber, doch trotz allem ist sie ein Mensch voll Lebensfreude, Witz und Intelligenz. Vor Jahren hat sie in Nigeria das Ehepaar Sarah und Andrew, die im englischen Kingston-upon-Thames ein privilegiertes Leben führen, kennengelernt. Ein furchtbares gemeinsames Erlebnis hat eine tragische Verbindung zwischen ihnen geschaffen. Als Little Bee aus dem Lager entlassen wird, ruft sie bei Sarah und Andrew an. Einige Tage später bringt sich Andrew um. Und kurz darauf steht Little Bee vor Sarahs Tür...



Das Buch wirbt damit, zwei Geschichten zu erzählen. Die von Little Bee, die ohne Papiere aus dem Asylantenheim entlassen wird, und die von Sarah, deren Mann sich umgebracht hat, nachdem Little Bee bei ihm angerufen hat, ohne ihr davon zu berichten, dass Little Bee auf dem Weg zu ihnen ist und die dann damit umgehen muss, just am Tag der Beerdigung ihres Mannes.

Und tatsächlich gelingt dem Autoren mit der Konzeption seines Romans genau das: er erzählt zwei Geschichten, die unmittelbar miteinander zusammen hängen, eine Weile lang parallel verlaufen, aber nicht bloß zwei Seiten derselben Münze sind. Das zeigt sich in den Erzählstimmen, die sich beide an den Leser richten und doch so unterschiedlich sind. Während Little Bees Geschichte immer wieder damit kollidiert, dass Begebenheiten in ihrer Heimat sich mit einer britischen Sprache nicht erklären lassen und britische Begebenheiten keinen Sinn ergäben, würde sie versuchen, den Mädchen zuhause davon zu erzählen, ist Sarahs Stimme von einer solchen Selbstverständlichkeit unterlegt, weil sie Kontexte referiert, die für mich als Leserin bestens bekannt sind, dass gerade die Befremdlichkeit der Situation, in der sie steckt / gesteckt wird, in ein ganz besonders Licht gerückt wird. Aufgrund dieser Fähigkeit muss Chris Cleave nicht einmal kennzeichnen, aus welcher Sicht das jeweilige Kapitel geschrieben ist, da zu keinem Zeitpunkt der geringste Zweifel besteht.

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»An den braunen Beinen des Mädchens waren viele kleine weiße Narben zu sehen. Ich überlegte, ob diese Narben wohl ihren ganzen Körper bedeckten, so wie die Sterne und Monde ihr Kleid. Das stellte ich mir hübsch vor, und ich bitte euch hier und jetzt um eure Zustimmung, dass eine Narbe niemals hässlich ist. Das wollen uns nur die Narbenmacher einreden. Aber ihr und ich, wir müssen uns zusammentun und ihnen trotzen. Wir müssen alle Narben als schön ansehen. Okay? Das ist unser Geheimnis. Den glaubt mir, wer stirbt, bekommt keine Narben. Eine Narbe bedeutet: „Ich habe überlebt.“«

[Little Bee, S. 17]

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Beeindruckender als diese gelungene Konzeption sind aber die Charaktere:
Little Bee als ein Mädchen, das ihrem Schicksal auf eine entsetzlich ergreifende Weise begegnet, mutig und selbstreflektiert, auf schmerzliche Weise offen – ohne dabei aber zu einer Feel-Good-Protagonistin zu werden, die zwar die schlimmste Vergangenheit hat, aber trotzdem noch lächeln kann, haha, nehmt das ihr bösen Männer! Ihre Reise, von Afrika nach England, in England zu Sarah, ist genau das – ihre Reise. Ihr Erleben, nicht eine Schablone für eine Aussage, mit der Leser am Ende beruhigt weiter leben kann.

Ihr gegenüber Sarah, eine Frau, der die innere Idealistin zu unbequem geworden ist, die sich eingerichtet hat in einem Leben, mit einem Mann, der spätestens nach jenem Sommer in Afrika nicht mehr derselbe ist, mit einem Sohn, der sein Batman-Kostüm schon einen ganzen Sommer lang nicht mehr auszieht, weil es leichter ist Batman zu sein als Charlie, mit einer Stelle als Chefredakteurin eines Magazins, das anders sein sollte und jetzt bloß noch ist, was die Leserschaft gerne hätte. Eine Frau, die erschüttert wird, so grundlegend, dass sie alles neu überdenken muss. Alles neu angehen. Auf alles andere Antworten finden.

Aber auch die Nebencharaktere können sich sehen lassen. Yvette, das Mädchen, das es Little Bee ermöglicht, aus dem Abschiebelager zu entkommen. Andrew, der als Sarahs Ehemann ein großes Feld von Schuld und Verantwortung aufmacht. Charlie, der mit seiner Kindlichkeit alles auf eine Weise zu lösen, zu verbinden, zu heilen beginnt, die für die Welt der Erwachsenen zu simpel erscheint und deshalb alles schrecklich kompliziert macht. Auch Lawrence als Vertrauter von Sarah, der sich seiner Privilegien nicht berauben lassen will, um ein afrikanisches Mädchen zu retten, das in seinem Leben nichts zu suchen hat. Um nur einige zu nennen - in ihrer Ambivalenz sind sie alle ein Spiegel, der dem Leser vorgehalten wird, ohne dass sich der Blick hinein vermeiden lässt. So stehen wir in diesem Spannungsfeld? Wie würden wir reagieren?


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»In jenem Sommer, dem Sommer, in dem mein Mann starb, hatten wir alle eine Identität, von der wir uns ungern trennen wollten. Mein Sohn hatte sein Batmankostüm, ich benutzte noch den Namen meines Ehemanns, und obwohl Little Bee relativ sicher bei uns war, klammerte sie sich an den Namen, den sie in einer Zeit des Schreckens angenommen hatte. In jenem Sommer waren wir Exilanten, die vor der Realität geflohen waren. Wir flüchteten vor uns selbst.«

[Little Bee, S. 32]

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Die Geschichte selbst, der Stoff, der erzählt wird, diese Kollision von Leben ist unerträglich, erträglich gemacht von der Ästhetik, die die Form gewährt, in der sie uns präsentiert wird. Aber das nur gerade so.
Es ist ein Buch über das Allerhässlichste im Menschen. Über das, was Menschen einander antun, über den Preis, den sie dafür zahlen, und was sie zu tun bereit sind, um (das) zu überleben. Was sie zu tun bereit sind, wenn es nicht mehr das Schlimmste ist, nicht zu überleben. Auch über das, woran man festhält, wenn man gezwungen wurde, alles loszulassen.
Es ist außerdem ein Buch von Zusammenhalt und von Aktivismus, von Hoffnung, die Tatendrang nach sich zieht, von Möglichkeiten und Wegen und Chancen, um Privilegien in Potential zu verwandeln. Aber das vor einem Hintergrund, der zu keinem Punkt verschwiegen oder beschönigt wird. Jeder Schlag sitzt. Jedes Beben erschüttert grundlegend. Und der Bezug zum eigenen Leben ist nie zu übersehen.

Wo die Schilderungen von seinem eigenen Erlebnis (britisch, weiß, männlich) abweichen, merkt man der Geschichte die intensive Recherche an, die Chris Cleave betrieben hat (jedenfalls soweit ich das nachvollziehen kann). Im Nachwort gibt er außerdem etliche seiner Quellen an, etwas, das ich so zuvor noch nicht in Büchern gefunden / bemerkt hatte.

Abschließend sei gesagt:
Wer ein Feel-Good Roman erwartet, findet mit Little Bee nicht, was er sucht. Wer hingegen interessiert ist, an einem Plädoyer für Mitmenschlichkeit, dem ist dieses Buch wärmstens ans Herz gelegt.

B E W E R T U N G


TIEFE: 5/5 Punkte
CHARAKTERE: 5/5 Punkte
KONZEPTION: 5/5 Punkte
GESAMT: 15/15 Punkten
Kaufempfehlung: Definitiv!


Alles aus Liebe, Kira

[BTW17] Und was jetzt? Über demokratische Verantwortung, Politik im Alltag und Kontaktformulare von Abgeordneten

Mittwoch, 11. Oktober 2017
Am Sonntagmorgen hatte ich einige Stimmen in der Twitter-Timeline, die sich freuten, dass der ganze Trubel um die Wahlen jetzt „endlich“ wieder vorbei sein würde.

Ich wusste sofort, worauf sie damit anspielen, fand es aber schon da enorm schade. Dass über Politik gesprochen wird, sollte meiner Meinung nach kein Phänomen sein, dass alle vier Jahre Konjunktur erhält und dann hinter dem nächsten Promiskandal in der Versenkung verschwindet. Aber gut, darüber hätte man reden können, diesbezüglich hätte man für Politik werben können. Und selbst wenn diese Stimmen sich aus dem Diskurs zurückgezogen hätten, wäre das zu verkraften gewesen. Traurig, aber zu verkraften. Das war Sonntagmorgen.

Und jetzt? Nach diesem Sonntagabend? Nach solchen Wahlergebnissen?
Finde ich solche Hoffnungen gefährlich.

Denn, nein, der Trubel um die Wahlen kann nicht enden.
Die Politisierung junger Menschen kann nicht enden.
Wir können jetzt nicht aufhören, über diese Themen zu sprechen.
Wir können uns nicht dran gewöhnen, dass die Ansichten der AfD, die Art und Weise, zu manipulieren, die Sprache der AfD, die Aggressionen der AfD, die Hetze ein Teil unserer politischen Landschaft sind.

Wir können uns das nicht leisten.

Und um es noch anders zu sagen: Wir müssen etwas tun. Wir müssen über Politik sprechen. Wir müssen Politik (aus-)üben. Und zwar vier Jahre lang. Und danach nochmal vier. Und nochmal vier. Und nochmal vier. Immer weiter. Immer noch vier mehr.

Wieso?

Weil das hier, dieser Tiefpunkt deutscher Politik seit vielen Jahren, unser Weckruf sein kann und muss. Die Zeit, in der wir uns zurücklehnen konnten, weil wir mit genug Privilegien geboren sind, um von deutscher Politik nicht direkt bedroht zu sein, ist vorbei. Es gibt viele, viele, viele Menschen in diesem Land, an denen wir uns schuldig gemacht haben, weil es uns vor der Wahl nicht gelungen ist, der AfD ihren erlogenen Alternativen-Status abzulaufen. Viele Menschen mit weniger Privilegien, aber genauso viel Würde und genauso viel Recht.

Und diese Schuld legt uns Verantwortung auf. Erinnert uns an unsere Pflichten. Wir mögen nicht beeinflusst, verursacht, verschuldet haben, was 1933 und in den darauffolgenden Jahren passiert ist. Aber was immer dieses Jahr und in den nächsten Jahren passieren wird, geht auf unsere Kappe.

Denn noch mal für alle: wir leben in einer Demokratie. Das heißt: Herrschaft des Volkes. Herrschaft durch uns für uns. Nicht für einige Eliten, nicht für Lobbyisten, nicht für Nazis. Für die ganze bunte, breite Vielfalt der Menschen, die sich in Deutschland aufhalten. Von der Familie, die vor Krieg und Zerstörung geflüchtet ist, über den Hartz-IV Empfänger, über das Kind im Rollstuhl, über das junge Mädchen mit Migrationshintergrund, über den bisexuellen Jungen, der sich nicht im binären Geschlechtersystem wiederfindet, über den Krankenpfleger, der nicht fair entlohnt wird, über die Frau, die keinen Arbeitsplatz findet, weil sie im „gebärfähigen“ Alter und eine Zumutung für den Arbeitgeber ist, über viele, viele, viele mehr, bis hin zu dem Rentner, dem das Geld zum Leben fehlt. Für uns alle also.

Deshalb haben wir Repräsentanten gewählt. Menschen, die unsere Stimmen hören, unsere Anliegen in Erfahrung bringen, unsere Bedürfnisse verstehen und für unsere Probleme Lösungen finden sollen. Menschen, die uns verpflichtet sind.

Wir haben ihnen einen Auftrag gegeben. Wir haben nicht unsere Macht abgegeben. Wir leben nicht in den nächsten vier Jahren in einer Aristokratie, in der wir nichts mehr zu melden haben und die da oben alles entscheiden.

Was also ist der Schluss, was machen wir jetzt, da wir uns (hoffentlich) einig sind, DASS wir etwas machen müssen?

Wir machen uns groß. Wir werden laut. Wir hören hin und reichen das Mikro weiter und beschützen diejenigen, die unseren Schutz, unsere Solidarität, unsere schusssichere Waffe aus Privilegien und unverschämten Glück jetzt brauchen.

Das geht im Alltag:

  • Indem wir bei Rassismus, Sexismus, Ableismus nicht mehr wegsehen. Ein Freund von euch benutzt „schwul“ immer noch als Beleidigung? Wird Zeit, die „Spaßbremse“ zu spielen und was zu sagen. In der Ubahn wird eine muslimische Frau angepöbelt, weil sie Kopftuch trägt? Nicht weggucken! Sagt etwas. Setzt euch dazu. Falls es zu gefährlich ist, solidarisiert euch mit anderen Mitfahrern und sagt dann was. Ruft die Polizei, wenn es sein muss. Steht dafür ein, dass Schulen barrierefrei werden. Protestiert, wenn an Unis Krankheiten zum Anlass genommen werden, Stigmata aufzubauen.

  • Indem wir den eigenen Tellerrand sprengen. Sprecht mal mit einem Obdachlosen (die letzte Obdachlosenzeitung hatte die ganze erste Seite einem Artikel darüber gewidmet, dass sie im gesamten Wahlkampf keine Rolle gespielt haben – wie betroffen einen das macht). Sprecht mal mit einem Asylsuchenden. Sprecht mal mit einer Frau mit Downsyndrom. Sprecht mal einem, der die AfD gewählt hat. Sprecht mal mit Frauen in Führungspositionen. Sprecht mal mit alleinerziehenden Vätern. Sprecht mal mit einem transsexuellen Mann. Sprecht mal mit einem Kind, das auf der Hauptschule keine Zukunft für sich sieht. Sprecht mal mit einer muslimischen Frau, die auch Feministin ist. Ihr könnt nur dazu lernen.
  • Indem wir uns weiterbilden. Viele Themen, über die in der Politik gesprochen wird, erklären sich nicht von selbst. Aber es gibt etliche Möglichkeiten, sie trotzdem zu verstehen: über Sachbücher, Dokus, Erfahrungsberichte im Internet, Kurse an Volkshochschulen, Gasthörerschaften an der Uni. Gespräche mit Betroffenen. Selbst Google! Wenn das schon alles über uns weiß, können wir uns auch zu nutzen machen, was es sonst noch alles weiß.


Das geht aber auch dezidiert politisch:

  • Informieren wir uns! [Wenn ich noch einmal lesen muss, dass nach Brexit, Trump oder AfD im Bundestag die Suchanfragen darüber, was das eigentlich bedeutet, hochgehen, wein ich.] Lest Zeitungen. Lest mehr als eine Zeitung. Schaut euch Interviews an. Schaut euch Talkshows an. Schaut euch Satiresendungen an. Schaut euch Politik-Reihen im Internet an. Schaut auch die Bundestagsdebatten selbst an (→ https://www.bundestag.de/tv). Lest Bücher über das politische System. Lest Bücher über Demokratie. Über freie Presse. Fordert das ein.
  • Gehen wir demonstrieren! Es gibt eine Zeit, in der man auf twitter meckern, wettern, schimpfen, jammern, Kampfansagen ausstoßen und Loyalitäten erklären darf. Aber es gibt auch Zeiten, in denen gilt es, vor Ort zu sein. Sich hinzustellen und Menschen zu zwingen, hinzusehen. Das geht auf Demos immer gut. Die können nicht einfach ignoriert werden. Und wenn doch, geht man halt zur nächsten auch noch. 

  • Denken wir uns Aktionen aus! Ich höre so oft, Politik sei langweilig. Und jedes Mal denke ich: bitte? Bildung, Außenpolitik, Flüchtlingsdebatten, Rentendebatten, Klimaschutz, ... das ist langweilig? Das ist unsere Zukunft. Und ja, schon klar, oft sieht das trocken aus und bürokratisch und wenn nicht jemand sagt, DU KIRA, DA GEHT ES UM DICH, hat man schnell mal abgeschalten. Aber dann liegt es doch an uns, Politik bunt zu machen und ansprechend und ihr ein angemessenes Marketing zu verpassen, sodass da, wo drinnen unsere Zukunft drin ist, auch draußen "unsere Zukunft! Wichtig! Aufpassen!" draufsteht.
  • Arbeiten wir ehrenamtlich! Nicht nur mit der AfD, auch mit der FDP und der CDU/CSU sind Parteien im Bundestag stark, die sich nicht per se soziale Gerechtigkeit und Solidarität auf die Fahnen geschrieben haben - zumindest nicht auf eine Weise, von der diejenigen profitieren, die die Unterstützung am dringendsten brauchen. Das heißt, Jugendzentren, Suppenküchen, Tafeln, aber auch Beratungsstellen aller Art und etwa Flüchtlingsorganisationen werden in nächster Zeit viel, viel, viel, viel Arbeit haben und wo wir helfen können, sollten wir das tun.

  • Spenden wir! Weil meine Filterblase ganz gut funktioniert, weiß ich, dass viele von uns Studenten oder Auszubildende sind, vielleicht sogar noch Schüler, und dass bei uns allen das Geld nicht so richtig locker sitzt. Aber für die Zeiten, in denen wir uns ordentlich an unser Bücherkaufverbot halten, oder Zeiten nach einem Geburtstag oder Monate, in denen wir besonders oft beim Job ausgeholfen haben, bieten sich immer an, um auch finanzielle Hilfe zu leisten. Wichtig ist nur: Recherchiert, wohin euer Geld geht und wofür es genutzt wird.

  • Treten wir in eine Partei ein! Zugegeben ist Parteiarbeit kein besonders lukratives Geschäft mehr und die kommunalen Ebenen, auf denen man beginnt, wirken oft, als hielte man sich klein. Aber die Mitarbeit in einer Partei ist eine sehr gute Chance, tatsächlich Einfluss zu nehmen, tatsächlich gehört zu werden, Ideen einbringen zu können, an dem Fokus mitzuarbeiten, Schwerpunkte zu legen - kurzum: eine Politik zu machen, die wirklich die Themen abdeckt, die einem selbst wichtig sind.

  • Schreiben wir unserem Abgeordneten! Ich weiß, der letzte Punkt wird vielen zu krass gewesen sein. Das ist auch okay. Man kann demokratische Pflichten ernstnehmen, ohne in einer Partei zu sein. Aber sofern man sich dagegen entscheidet, bleibt immer noch die Chance auf persönliche Kommunikation. Denn euer Abgeordneter (also der Abgeordnete eures Wahlkreises) ist euer Abgeordneter, ob ihr ihn gewählt habt oder nicht, ob ihr seine Partei gewählt habt oder nicht. Ob ihr seine Partei unterstützen wolltet oder nicht. Er repräsentiert euch für die nächsten vier Jahre, also haltet ihn auf der einen Seite in der Verantwortung, auch euch in euren Interessen zu vertreten, und helft ihm damit, in dem ihr ihn über eure Interessen aufklärt. Ein paar Vorschläge dazu, wie: Fragt ihn, wie er wozu steht. Fragt ihn, wieso er so dazu steht. Sagt ihm, wie ihr das seht. Bringt Argumente ein. Eröffnet neue Perspektiven. Unsere Repräsentanten sind auch nur Menschen. Die können alleine nicht alles leisten, also müssen wir ihnen helfen – wir müssen ihnen zumindest mal sagen, was wir wollen.
    Über den bundestagswahlleiter.de findet ihr den Abgeordneten eures Wahlkreises. Dann googelt ihr den Namen desjenigen und kommt garantiert auf eine Website. Da wird es entweder Sprechstunden geben, eine Emailadresse oder eine Briefanschrift. Vielleicht ja sogar ein Kontaktformular.
Und der Rest liegt bei euch.
Aber das möchte ich euch noch mit auf den Weg geben:

gefunden bei frjosefine

In diesem Sinne:
Ich hoffe, ihr findet für euch einen Weg, mit den Wahlergebnissen umzugehen, der nicht lähmt, sondern ermutigt, bestärkt und Perspektiven schafft. Ich hoffe auch, dass wir einen Teil dieses Weges gemeinsam gehen können. Denn in Demokratien zählt auch: Gemeinsam sind wir stark.

Deshalb: habt ihr noch Ideen, wie wir die Demokratie pflegen können? Wie wir unsere Verantwortung für dieses Land, diese Bürger und diese Welt besser leben können? Plant ihr vielleicht schon Aktionen? Habt ihr Erfahrungen gemacht? Wie kommt man gegen die Blase an, in der man lebt, und erweitert seinen Blickwinkel?
Für Anregungen bin ich euch enorm dankbar.

Bis dahin: Passt auf euch auf. Seid gut zu euch. Ich verspreche, ich werde meinen Teil leisten.

In aller, aller, aller, aller, aller Liebe,

eure Kira.