Skepsiswerke

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Body-Positivity: Wir sind gut genug

Sonntag, 20. Mai 2018

Der Sommer steht wieder in den Startlöchern: Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, die Blumen sprießen und … Nicht nur die Blumen sprießen und strecken ihre Köpfe der Sonne entgegen. Sondern die im Winter unter langen Klamotten versteckten Selbstzweifel.
Der Wetterbericht sagt, dass morgen schon um 10 Uhr vormittags so um die 25 Grad sein sollen, 33 Grad sollen es werden. Schon den Tag vorher wird der Kopf zerbrochen:
Was zieh ich an?

Diese Hotpants?

Nee, da drin sieht man meine Cellulite am Oberschenkel. Und die ist viel zu kurz, meine Oberschenkel sind im Winter so fett geworden! Du, Schwester/Bruder/Freund*in, findest du, ich kann das tragen oder sieht man meine speckigen Schenkel darin zu sehr? Die sehen doch aus wie zwei aufgehangene Schinken!

Was ist mit diesem Crop-Top? Ich brauche Luft am Bauch, weil … Ah, wenn ich sitze, wird man meine Speckrollen sehen. In der Ubahn wird jeder mein Fett zu sehen bekommen und meinen abnorm hässlichen Bauchnabel, über den schon Person XY einen Spruch abgelassen hat. Alle werden mich anglotzen!

Make-Up?

Nein! Ich will bräunen!
Ich meine … Ja! Ich hab zu viele Pickel. Alle werden mich hässlich finden und glauben, ich würde mich nicht regelmäßig waschen.

Und am Ende? Sehen wir zu, dass wir alle Makel verstecken, weswegen andere uns bodyshamen, anstarren oder uns schlechte Kleiderwahl für unsere Konfektionsgröße unterstellen könnten. Wahrscheinlich werden wir in dieser Kleidung sehr stark schwitzen. Weil wir Angst hatten, dass jemand, der uns sieht, uns dafür verurteilt, wie unser Körper aussieht, der offenbar nicht der gesellschaftlichen „Norm“ entspricht. Weil wir uns Dank anderen selbst verurteilen, nicht dieser „Norm“ zu entsprechen.

Nur …

Es gibt keine gesellschaftliche Norm dafür, wie unsere Körper auszusehen haben. Schönheit hat keine Norm.



Es wird immer so getan, als gäbe es ein „zu“: ein zu klein, zu groß, zu dick, zu dünn, zu trainiert, zu speckig, zu lange Beine, zu kurze Beine, Affenarme, Raptorarme, Minifüße, Riesenfüße, die Liste ist unendlich lang. Vielleicht betreffen uns einige Dinge davon sogar: Vielleicht haben ein paar von uns mehr Fett am Körper als andere oder einfach extrem große Füße, weswegen immer Schuhe in Extraanfertigung hergestellt werden müssen. Damit gehen wir jeden Tag ins Bett. Und jeden Morgen stehen wir wieder damit auf.

Und ein paar von uns hassen das an sich. Hassen ihren Körper. Sehen morgens und abends in den Spiegel und sind unglücklich, weil wir dicker sind als andere sind. Andere größere Brüste haben, ein schmaleres Becken, schöneres, dichteres Haar, einen Sixpack, die Nase von Person XY ist so gerade und schön …

„Meine Bitte an euch: Wenn ihr nach Hause geht, schaut euch nicht im Spiegel an und legt dabei die Maßstäbe der Gesellschaft an und pflegt eure Unsicherheiten. Redet mit euch selbst, indem ihr euch feiert. Urteilt nicht über andere. Ihr verdient, euch selbst zu lieben.“ - Iskra Lawrence


Dem entgegen setzt sich ein neuer Trend: Die Bewegung von Body-Positivity, der vor einigen Jahren in den sozialen Medien aufgekommen ist. Einige, mir bekannte Personen, die sich dafür einsetzen und auch aktiv stark machen sind: Plus-Size-Model Ashley Graham, Iskra Lawrence, ebenfalls Plus-Size-Model, aber auch die deutsche ehemalige Fitnessbloggerin Louisa Dellert, Fitnessbloggerin Anna Victoria, aber auch das männliche Brawn-Model (Plus-Size im männlichen Bereich, das für so viel steht wie „körperliche Stärke“) Zach Miko. Alle diese Menschen stehen für etwas, das man uns zu verlernen beigebracht hat: Selbstakzeptanz.

Bei Body-Positivity geht es darum, seinen Körper so zu akzeptieren und zu lieben, wie er ist. Das soll nicht bedeuten, dass wir ihn nicht verbessern möchten, um unser Wohlbefinden darin zu verbessern – aber wenn wir uns wohlfühlen, sollte uns niemals jemand dieses Gefühl kaputt machen können. Bei Body-Positivity geht es darum, seinen Körper so zu lieben, wie er ist, egal was andere darüber sagen. Egal, wie andere den eigenen Körper empfinden: Denn welches Recht hat ein anderer, etwas über einen Körper zu sagen, außer es ist sein*ihr*es eigener?

Unser Körper ist unser Tempel. Wir haben nur den einen. Und jeden Tag wachen wir auf und haben gelernt, an diesem herumzumeckern und an ihm rumnölen zu lassen. Dabei vergessen wir eine ganze Menge: Dieser Körper, in dem wir uns befinden, trägt uns jeden Tag durch die Gegend. Er entgiftet uns. Unser Immunsystem boxt sich durch Krankheitserreger, damit wir gesund bleiben. Unser Nervensystem signalisiert uns Gefahr, damit wir uns in Sicherheit bringen. Wir schwitzen, damit wir nicht überhitzen. Als Frau kann man neun Monate lang einen weiteren Menschen in seinem Körper ernähren, versorgen und schließlich unter starken Schmerzen – die an einen Herzinfarkt herankommen – gebären. Man erschafft gemeinsam mit einem anderen Menschen neues Leben. Dieser Körper bringt es zur Welt. Und den hassen wir dafür, dass er Bock auf eine Currywurst hat und keine Scham darin hat, die auch ansetzen zu lassen? Wir hassen die Haut, die an unserem Bauch zurückbleibt, wenn wir ein Kind gebären?

Oder das Gegenteil: Wir hassen, dass wir so viel essen, aber nicht mehr auf die Waage kriegen. Dabei soll da endlich ein bisschen mehr auf die Rippen – Nur der dumme, dumme Körper, der verbrennt das alles so schnell; Der will uns ja gesund halten, der ist das ganze Essen nicht gewohnt, der ist die pure Powerzelle. Und den wollen wir dafür verurteilen, dass er uns guttun will?

Kenzie Brenna: „Cellulite is just a fucking thing our bodies do. (...) Imagine if a unicorn was chopping off ist horn because it’s culture says so.“

Ein paar von uns haben wahrscheinlich eine große Nase. Und ein Haufen Frauen kriegen – um mit dem Gerücht aufzuräumen – UNABHÄNGIG von ihrer Konfektionsgröße und Ernährung, im Laufe ihres Lebens Cellulite, Männer und Frauen kriegen Speckrollen, wenn sie sitzen und haben auch welche, wenn sie stehen. Aber viele von uns haben auch tolle Augen. Wunderschönes, dickes Haar. Schöne Lippen, schöne Hände. Sie duften unfassbar gut, wenn man an ihnen vorbeiläuft. Ein paar haben auch eine Stupsnase oder die schönsten Zähne, die sich jeder auf diesem Erdball wünschen würde.

Wir haben alle unsere Makel – Und das ist auch vollkommen in Ordnung. Trotzdem hat jeder von uns auch Dinge, die absolut und ohne jeden Widerspruch bis zur Unkenntlichkeit schön sind. Setzt euch mal für zwei Minuten vor den Spiegel und lächelt euch an. Bewundert diesen großartigen Körper, den ihr habt. Und lasst euch das nicht kaputt machen, wenn ihr rausgeht – Lasst euch nicht kaputt machen, wenn jemand fragt Willst du das auch noch essen? Oder Na du hast aber zugenommen. Oder Also mit deiner Größe würde ich das nicht tragen. Oder Eine S tragen doch nur kleine Kinder. Das sind doch keine Frauen, an denen ist nichts dran! Oder Auf den Rippen von XY kann man ja Klavier spielen, DING-DE-DING-DING-DING.

Jeder, der solche Bemerkungen abgibt, geht aber unglücklich mit seinem eigenen Körper ins Bett. Ihr könnt niemanden dazu zwingen, seine Körper zu lieben, aber wann immer euch Kritik an eurem Körper von jemand anderem begegnet, schlagt sie weg. Schlagt zurück. Fragt doch mal: Und, was gefällt dir nicht an dir, dass du XY zu mir sagst? Bist du so unglücklich mit dir, dass du dich an meinem Körper störst, weil du deinen eigenen nicht mögen kannst?

„Was du von dir selbst hältst ist wichtiger, als was Leute von dir denken.“ - Tess Holliday

Body-Shamed niemand anderen. Macht keine Kommentare, wenn jemand ein Kleidungsstück trägt, das ihr selber mit diesem Körper oder generell nicht tragen würdet. Wenn die Person sich wohlfühlt – Was stört es euch dann? Ihr habt den Mund zu halten, denn wenn Menschen auf eines verzichten können, dann darauf, was andere über ihre Körper denken. Und jeder, der genug mit seinem eigenen beschäftigt ist und sich mag, wie er ist, wird sich nicht an anderen aufhängen. Ich kann Scheine darauf verteilen.

Der Sommer kommt: Lasst die Selbstzweifel im Schrank. Schmeißt sie noch besser raus – Die Schweine zahlen eh keine Miete und nehmen mehr Platz ein, als ihnen gebührt. Seid ehrgeizig mit euch, arbeitet an euch: Nicht, weil ihr euren Körper hasst, sondern weil ihr ihn liebt. Lieben solltet. Akzeptieren solltet. Ihr habt nur den einen Körper und er liebt euch auch. Er will ein bisschen Luft, wenn's warm wird und den interessieren andere Menschen nicht und schon gar nicht deren Meinung: Nur eure.

Nur eure.

Laura

Warum das Schreiben uns dazu bringt, über uns selbst hinauszuwachsen

Sonntag, 13. Mai 2018



“There is nothing to writing. All you do is sit down at a typewriter and bleed.” 
- Ernest Hemingway

Ich erinnere mich an die erste Geschichte, die ich an einer Tastatur geschrieben habe. Ich war zwölf Jahre alt und mächtig stolz, dass ich acht Kapitel hatte, die ich ohne Plot, sondern mit spontanen Ideen runterschrieb. Ich hing nicht sonderlich an der Story, denn nach ein paar Kapiteln begann ich die nächste und die nächste und die nächste.

Und etwas änderte sich. Auf dem Weg zu meinem 15-Jährigen Ich hatte ich etliche Kurzgeschichten geschrieben, die mir die Tränen in die Augen getrieben hatten. Von denen ich Angst hatte, sie jemandem zu zeigen, weil ich Angst hatte, jemand würde mich darin erkennen, obwohl nirgendwo „Laura“ stand. Schreiben entwickelte sich schnell zu einem Ventil, dass man brauchte, wenn man allein war. Sich zurückgelassen fühlte. Wenn man unzufrieden war und jemanden verprügeln wollte.
Mit 15, als Schreiben schon Teil meines Alltages geworden war, den ich nicht mehr wegdenken wollte und konnte, verstand ich es dann.
Man schreibt nicht nur, man investiert.

Wir investieren alle in unsere Geschichten: Zeit, Liebe, Tränen, mehr oder weniger starkes bis schwaches Kopfzerbrechen, Wut, Frustration, Träumereien. Wir Autoren leben davon und dafür, etwas zu erschaffen: Welten, Figuren, hoffnungsvolle und hoffnungslose Beziehungen. Und jedes Mal, wenn wir – sind wir schon an diesem Punkt angelangt – etwas schreiben und es irgendwann beenden, lassen wir darin etwas von uns zurück. Schreiben ist eine Kunst (wie auch Zeichnen beispielsweise), etwas komplett Neues, Erdachtes zu erschaffen, aber etwas von sich selbst darin zurückzulassen, ohne dass wir es bemerken. Nach jedem Buch, das ich geschrieben habe, war ich ein anderer Mensch, als ich es vor dem Buch gewesen bin.

Schreiben ist ein Ventil: Es hilft uns, Dinge zu verarbeiten oder aufzuarbeiten, die wir in uns begraben wollen oder nicht länger in uns begraben können. Über die wir sprechen können, weil wir bisher niemanden gefunden haben, der es so erzählt, wie wir es erzählen können. Es ist ein offenes Ohr, wenn man mit niemandem reden will, aber auch Urlaub, wenn der Kopf gerade platzen mag.
Schreiben bringt uns dazu, die Dinge zu überdenken, die wir denken, weil wir uns fragen müssen, wie wir sie erklären, wie unsere Figur, wie die Story sie erzählen würde und dem Leser zugänglich machen würde. Und dabei können und müssen wir manchmal feststellen, dass nicht alles so ist, wie wir es irgendwann mal in einen Stein gemeißelt haben.

Photo by Calum MacAulay on Unsplash


Mein Debütroman war lange Zeit Auf- und Verarbeitung für mich, nachdem privat einiges passiert ist. Ich erinnere mich noch, dass ich angefangen habe, Gedichte zu schreiben und irgendwann stand dann da ein Prolog eines Buches, von dem ich noch nicht wusste, dass es mir helfen würde, wieder aufzustehen. Der innere Konflikt, die Frage, wie man einen Menschen gehen lässt, den man liebt, war eine sehr persönliche. Eine, die mich abends davon abhielt, einzuschlafen und mich morgens nicht so richtig aufstehen lassen wollte. Weil ich keine Antwort darauf hatte und indessen Folge verheerende Fehler in meinem Leben gemacht habe, die ich sehr bereut habe.
Es gibt immer noch keine allumfassende Wahrheit, kein Geheimrezept, wie man einen Menschen gehen lassen soll, den man liebt, aber was soll ich sagen? Ich hab nicht vergessen, wie ich an Textpassagen gesessen und Tränen zurückpressen musste. Ich hab nicht vergessen, wie ich mich in die Frage eingearbeitet hatte, sie verstehen, rationalisieren und begreiflich - auch für mich - machen musste, weil ich sie für einen Leser beantworten musste; Zumindest musste ich erklären, warum es für manche Dinge im Leben keine Antwort gibt. Und dass das vollkommen in Ordnung so ist.
Ich weiß nicht, auch heute, wie man einen Menschen gehen lässt, den man liebt. Es gibt kein Rezept, aber mein Buch gab mir vor allem eines: Vergebung.

Wir Menschen sind so vernarrt darin, den Fehler in uns selbst zu suchen und nicht in anderen, dass uns gar nicht auffällt, dass das Problem nicht in uns liegt. Und dann erschaffen wir eine Figur, der wir Fehler verzeihen, die wir uns in dessen Folge auch verzeihen müssen. Wir lassen sie Ängste durchleben, die wir durchleben. Aber für sie finden wir rationale Lösungen und damit finden wir für uns auch immer öfter welche.


“We have to continually be jumping off cliffs and developing our wings on the way down.”
― Kurt Vonnegut

Und wir lernen dabei so viel dazu. Jede Geschichte, die wir schreiben (oder auch lesen), macht uns klüger. Sensibilisierter für die Gefühle anderer. Sensibilisierter für unsere eigenen Gefühle, die dann plötzlich in einer Geschichte stecken. In einem Motiv, das wir immer wieder einbauen. Einer Angst, die wir unterschwellig reinbringen, aber die uns überhaupt gar nicht bewusst ist.
Beim Schreiben lernen wir so viel über andere und so viel mehr über uns selbst. Über unsere Bewältigungsstrategien und wieso diese schädlich sind; Über Dinge, die wir mögen und hassen und warum wir das tun; Wie Gedankenspiralen bei anderen funktionieren und damit ziemlich ähnlich wie bei uns. Wir klettern in Köpfe und erleben Dinge, die wir nie erlebt haben, aber sie sind echt. Sie sind wahr.
Wir denken uns aus unserem eigenen Kokon, um uns in einen anderen reindenken zu können, ohne uns selbst dabei zu verlieren. Wir erweitern nur den Blickwinkel.

Sicherlich ist nicht jedes Buch, das man als Autor verfasst, biografisch oder auch nur mit der eigenen Geschichte angehaucht. Aber ich wage die These und behaupte, dass dennoch, egal welche Story wir erzählen, ob Krimi, Fantasy oder Romanze, überall etwas von uns zu finden ist. Wenn nicht persönliche Erlebnisse oder Gefühle, dann vielleicht Motive, Mantras, die uns begleiten und am Herzen liegen. Redewendungen, die man einbaut, weil man sie selbst benutzt. Ich kenne ausreichend Autor*innen, von denen ich auch schon genug gelesen habe und was ist das für ein Klang von Worten, wenn ich ihre Geschichten lese und ihre Stimmen im Ohr habe, weil sie immer noch zwischen den Zeilen schwebt.

Und unbemerkt bleibt dabei auch nicht, wie sich Erzählstimmen, Figuren und Ton im Laufe eines Buches verändern. Man kann nicht nur zusehen, wie die Charaktere in der Geschichte sich entwickeln, fallen und wieder aufstehen, man kann dem Autor ebenso dabei zusehen, wenn man genau hinschaut. Wir können uns ganz sicher sein, dass kein Schreiberling nach seinem Buch die gleiche Person ist wie vor seinem Buch, sondern immer ein bisschen besser. Ein bisschen klüger. Ein bisschen aufmerksamer als zuvor.
Schreiben bringt uns dazu, niemals auszulernen.

Wie großartig ist es, etwas zu haben, in das man so viel investiert, und das dir eben so viel zurückgibt, weil es die Kraft hat, dich zu verändern? Zu einem besseren, gewachseneren Menschen, der andere (manche jedenfalls) dazu bringt, über sich selbst hinauszuwachsen. Und dabei selbst über sich hinauswächst.

Und damit verbleibe ich: Schreibt weiter. Macht weiter eure Kunst.
Liebt sie und lebt sie. Alles, alles Liebe,
Laura.♥

Über die Skepsis im Umgang mit Medien.

Sonntag, 6. Mai 2018

Am Namen unseren Blogs lässt es sich bereits erkennen – die Skepsis ist eine Gemütsregung, der wir uns verbunden fühlen.

Wir haben uns ein Welt- und somit ein Menschenbild erschlossen, nach dem es unerlässlich ist, selbst hinzusehen. Selbst zu recherchieren. Selbst zu analysieren. Selbst Meinungen zu formulieren. Wir können uns nicht blind auf das verlassen, was uns jemand als Wahrheit vorsetzt und wenn er/sie/nb noch so oft beteuert, es sei alternativlos. Denn: solange wir Teil dieser Welt sind, also Zeit unseres Lebens, sind wir für sie verantwortlich.


Dafür, dass Zwischenmenschliches in respektvollem Umgang gelingt. Dafür, dass wir auch in Zukunft noch einen Planeten haben, auf dem Zusammenleben denkbar ist. Dafür, dass wir unsere Menschlichkeit nicht an den Markt oder Angst schürende Politik verkaufen.

Natürlich ist es nicht möglich, die ganze Welt zu überblicken. Weder in Zeiten der Globalisierung noch in den Jahrhunderten, die ihr vorausgingen. Ein solcher Versuch würde unweigerlich die Kapazitäten eines jeden Individuums sprengen. Zweifellos können wir nicht an mehreren Orten gleichzeitig sein, auch sind wir durch die vielfältigen Komponenten unserer Sozialisation oft an einen einzigen Lebensentwurf, eine einzige Lebenswirklichkeit gebunden. Ich mag mich noch so sehr mit der Black Lives Matter Bewegung solidarisieren: dadurch werde ich nicht zur schwarzen Frau, dadurch werde ich nicht Opfer rassistischer Mikroaggressionen, dadurch ist mein Leben nicht ständig von polizeilichem Machtmissbrauch bedroht. Meine Recherchen, meine Analysen, meine Meinungen treten an dieser Stelle immer kürzer als die von Betroffenen und damit ultimativ: zu kurz.

Heißt das, unser Weltbild ist ein zum Scheitern verurteiltes? Heißt das, jegliches Bemühen um ein empathisches Miteinander, bei dem wir gemeinsam Missstände in Angriff nehmen, ist perspektivlos? Heißt das, ich kann soziale Verantwortung vergessen und mich der Selbstsucht verschreiben?

Nein.



Photo by Raphael Ferraz on Unsplash

Etwas, für das man den Menschen loben muss, ist sein Bedürfnis, für Probleme Lösungen zu finden. Wenn er die Welt nicht überblicken kann, es aber muss, um sie zu verstehen, und er dieses Verständnis als für sein Überleben essentiell einschätzt, dann offenbart das ein Problem und benötigt eine Lösung. Eine solche Lösung besteht historisch etwa in seriöser Nachrichtenerstattung. Sei das der Bote, den ein antiker Herrscher in andere Länder schickt. Sei das der Chronist, der Geschehnisse dokumentiert, sodass Menschen, die des Lesens mächtig sind, sie in Erfahrung bringen können. Sei das die Journalistin, die ihre Beobachtungen festhält und in einer Zeitung für die Masse veröffentlicht. So erfahre etwa ich von Kriegsverbrechen in Syrien, von Amokläufen in den USA, von Ebola-Ausbrüchen in Sierra Leone: weil mir Journalist*innen Informationen aus diesen Ländern aufbereiten und anbieten.

An dieser Stelle ist aber aufzuhorchen. Auch wenn die Arbeit von Journalist*innen darin besteht, Informationen zu vermitteln, irrt man, wenn man annimmt, man bekäme durch eine Nachrichtenerstattung je ein allumfassendes Bild der Sachlage. Schon durch die Auswahl der relevanten Informationen wird das Bild, das wir erhalten, zugeschnitten. Die Art und Weise der Präsentation formt das Narrativ. Und dahinter muss sich keine fiese Agenda eines Mega-Konzerns verstecken. Das muss keine Propaganda-Strategie der Regierung sein, die nicht will, dass die Bevölkerung an wichtige Informationen kommt. Wenn man Informationen versprachlicht, verkürzt man sie automatisch. Man spricht Ereignissen eine Linearität zu, die die Realität nie hat, markiert die Informationen, die man teilt, als erwähnenswert, solche, die man weglässt, als nicht erwähnenswert, man stiftet Zusammenhänge, wo intrinsisch keine waren. Das ist kein Teufelszeug, das ist Teil der Beschaffenheit des Mediums. Darüber muss man sich im Klaren sein.

Dennoch kommt mit dem Format eines Nachrichtenjournals ein gewisser Wahrheitsanspruch daher, denn wir unterstellen den Journalist*innen den Anspruch, möglichst objektiv zu sein. Immerhin dient die Pressefreiheit in Deutschland genau dafür: Journalist*innen unterliegen keiner staatlichen Zensur. Sie dürfen über genau das schreiben, was sie in der Realität vorfinden. Da wir diese Unparteilichkeit für so wichtig halten, dass wir sie in unserer Verfassung schützen, erwarten wir sie im Rückschluss auch.

Anders ist das etwa bei Facebook-Postings. Liest man in regionalen Facebookgruppen von Diebstählen im lokalen Supermarkt und hört, dass diese mit einer neu errichteten Erstaufnahmeeinreichtung für Geflüchtete in Verbindung gebracht werden, sind das zunächst nur die Aussagen eines Individuums ohne zugeschriebene soziale Rolle und dadurch sowieso der Subjektivität unterworfen. Zusätzlich unglaubwürdig (bis haarsträubend-absurd) wird eine solche Aussage für mediengeschulte Bürger*innen besonders, wenn sie außerdem zum Anlass genommen wird, um gegen Geflüchtete zu hetzen.

Das Verschwimmen von Korrelationen (Ereignisse, die gemeinsam auftreten, deren Zusammenhang aber, sofern er denn besteht, nicht geklärt ist) und Kausalitäten (Ereignisse, die in einem Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zueinanderstehen) ist enorm gefährlich. Unabhängig davon, ob es absichtlich geschieht oder aus einem engstirnigen Weltbild geboren wird: Kausalitäten zu vermuten, wo lediglich Korrelationen bestehen, führt zu dem entsetzlichen Trugbild, unsere Welt wäre ohne Weiteres in solch simple Kategorien einzuteilen. Es propagiert die Idee einfacher Lösungen. Wenn eine ansteigende Anzahl von geflüchteten Personen bedeutet, dass mehr Diebstähle begangen werden, scheint die Lösung einfach: weniger Geflüchtete, weniger Diebstähle. Und ins Extrem gesteigert: Keine Geflüchtete, keine Diebstähle. Was natürlich grober Unfug ist, sich aber in Parolen der AfD durchaus abzeichnet.

In unserer Zeit, in unserer Generation erhalten viele junge Menschen ihre Informationen eher über die sozialen Netzwerke als über alteingesessene Zeitungsformate. Das hat seine Vor- und Nachteile. Dank Facebook, Twitter, Instagram, dank dem Internet ist es für mich viel einfacher, an Augenzeugenberichte zu kommen, als es das für meine Eltern war. Die March-For-Our-Lives Bewegung zeigt das ganz gut: da läuft viel über social media und wir erhalten ganz unvermittelt Informationen, Erlebnisberichte von den Betroffenen, die in der Narrativprägung bisher immer benachteiligt waren, weil die NRA bisher immer mehr Geld und auch mehr Kontakte hatte. Das ist ein Vorteil.

Ein Nachteil ist, dass Meinungen leicht als Fakten missverstanden werden. Dass wir die omnipräsente Subjektivität manchmal vergessen, weil wir uns so an sie gewöhnt haben, dass sie praktisch unsichtbar wird. Ein Nachteil ist auch, dass wir in unseren eigenen Filterblasen stecken bleiben: abweichende Daten erreichen mich nicht, weil ich vor allem mit Menschen vernetzt bin, die mir gleichgesinnt sind.

Und Fakt ist: ganz werden wir dieser Subjektivität nicht beikommen. Weder in den sozialen Netzwerken noch im seriösen Journalismus. Denn auch in den Journalist*innen in ihren Rollen als objektive Nachrichtenvermittler stecken Individuen, die Überzeugungen haben, von denen nur eine gewisse Anzahl durch Reflexion und Introspektion erkennbar und dadurch kontrollierbar wird.

Aber mit einem verantwortungsvollen Umgang mit Medien kann es uns gelingen, die Störfaktoren aus den Schlussfolgerungen herauszuhalten, die am Ende unserer Rezeption von Nachrichten stehen. Womit wir wieder bei der Skepsis wären, die im Umgang mit Informationen das Urvertrauen unglücklicher Weise schlägt. Ihre Anwendung kann damit beginnen, dass wir uns bewusstwerden, dass jede Äußerung, der wir in unserem Leben begegnen, intentional geäußert wurde, und wir entsprechend fragen, wer eine Aussage trifft und wieso. Es kann damit beginnen, sich bewusst zu machen, was die intrinsischen Eigenschaften einer verbalen Äußerung sind (Linearität, Fragmentcharakter, Markierung…). Es kann mit einer Analyse der Form der Äußerung beginnen: Welche Auswirkung haben zum Beispiel vollkommen arbiträre Prozentzahlen auf unsere Bereitschaft, Fakten als wahr zu akzeptieren? Es kann auch die Interpretation von den erhobenen Daten eine Rolle spielen: Was untersucht eine Studie? Was heißt es, wenn am Ende das Ergebnis 17%  sind? 17% wovon? Was wird eigentlich gemessen? Welche Variablen werden kontrolliert? Und so weiter und so fort.

Aber ein solcher Umgang ist uns nicht von Gott, dem Universum oder der Muttermilch gegeben. Nicht mal uns, die wir mit Smartphones groß geworden sind. Eine Frechheit sollte man meinen. Aber aufregen bringt nichts. Was etwas bringt, ist: lernen. Es sich in Eigenregie aneignen. So früh wie möglich. So schnell wie möglich.

Das geht auf vielfältigste Weise. Man kann sich Wissen dazu anlesen, man kann Veranstaltungen besuchen (beispielsweise Vorlesungen der Medienwissenschaft, das geht oft auch als Gasthörer), man kann auch im Internet nach Informationen und Lektionen suchen. Wie man es macht, ist jedem selbst überlassen. Für jeden mag ein anderes Format funktionieren.

Was sich für mich als hilfreich erwiesen hat, sind die beiden recht neuen Kurse von Crash Course auf Youtube: Statistics & Media Literacy. Beide sind allerdings in englischer Sprache verfasst. Englische Untertitel sind verfügbar (für Statistik auch spanische und arabische), deutsche bislang noch nicht.

Wo habt ihr den Umgang mit Medien gelernt? Was sind eure Geheimtipps, um die Informationen, denen ihr begegnet, erstmal zu relativieren, bevor ihr sie akzeptiert? Erzählt uns davon. Erzählt einander davon.


Und dann: lasst uns da gemeinsam unsere mediale Mündigkeit erklären und beschützen,
eure Kira

All the rage - Courtney Summers

Sonntag, 29. April 2018
Romys Rituale haben allerhöchste Priorität: Jeden Tag roten Lippenstift, der rote Nagellack darf nicht mal an den Rändern abgesprungen sein, bevor sie das Haus verlässt.
Die Rituale trägt sie wie ein Schutzschild vor sich her, während sie durch ihr Leben geht, in dem sie gemobbt und beleidigt wird, seitdem sie von Kellan Turner, dem Sohn des Sheriffs, vergewaltigt worden ist und keiner ihr glauben will.
Als ein Mädchen, das jeder liebt, in der Kleinstadt verschwindet, findet sie sich jedoch mehr denn je mit ihrer Vergangenheit konfrontiert wieder: und die Kleinstadt mit Romy und dem Vorfall ebenfalls.


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Buch: All the rage
AutorIn: Courtney Summers
Verlag: Macmillan
Taschenbuch: 336 Seiten
Sprache: Englisch
Preis: 7.99 €
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When I run, I don’t have to think about anything. I don’t have to think about Leon, or my underwear, or Mom, or Todd, or Penny, or Alek, or Brock. But then that last one – he comes up beside me and matches my pace. I take a quick look behind me. Everyone else specks the distance. I want to be them. They don’t have to worry about this. They can run without being chased because that’s what’s happening here. Brock is speaking to me with his body. It’s in the way he keeps it close to mine. The way he breathes, heavy and loud, I can barely hear my heart. His arms lash at the air. He’s telling me the space between us is nothing, is something he’s letting me have now. I can barely keep myself ahead of him. I’m fast, but his legs are longer.
„This too close to you, Romy?“ he pants. „Gonna cry rape?“
(Seite 45f)

Mit dem Beginn des Lesens des Buches hatte ich bestenfalls den Hauch einer Ahnung, worauf es zusteuern würde.
Denn wir haben es nicht mit einem Jugendbuch zu tun, wie ich es bis dato par exellence kannte - wir haben keine freundliche Protagonistin, mit der sich die LeserInnen identifizieren können. Auch keine überfreundlichen Nebenfiguren, keine aufgedrehte Freundin, an der man sich festhalten konnte.

Romy ist hart und ungesprächig, sie lügt häufig oder lässt bewusst wichtige Teile bei Geprächen mit anderen Leuten weg. Sie fügt Dinge zusammen, die nicht zusammen passen, nur damit sie nicht darüber sprechen muss, was wirklich passiert ist.
Und während ich in vielen Rezensionen schon gelesen habe, dass man es ermüdend findet, eine nicht 1a sympathische Hauptfigur zu haben, stimme ich dem gar nicht zu. Romy hat ihre Geschichte und in All the rage ist sie es leid, das Opfer zu sein. Sie ist es leid, darauf klein gemacht zu werden, was mit ihr passiert ist. Und trotzdem passiert es wie am Fließband. In der Schule, unterwegs, mit dem Verkäufer an der Tankstelle; die Jungen, die in den Schmutz des Autos, in dem sie fährt, „SLIT“ schreiben, „because ‚slut‘ was just too humanizing, I guess. A slit’s not even a person. Just an opening.“ (Seite 38)
Und jeden Tag dann dieses einzige Ritual, das sie irgendwie über Wasser halten soll. Bis es das nicht mehr tut.

Die Nebenfiguren spalten sich nicht in ein offensichtliches Gut und Böse. Die grauen Figuren sind mit Sicherheit Penny Young und viele der Lehrer, die sich nicht gegen Romy platzieren wollen, aber im Angesicht der Tatsache, was alle anderen über sie sagen, mit Sicherheit auch nicht auf ihrer Seite.
Die guten Figuren wirken häufig hilflos in der Geschichte: Sie werden verletzt, sie werden angelogen, sie werden angeschwiegen, sie wissen nicht Bescheid.
Die bösen dagegen sind in der Übermacht. Und sind es auch irgendwie nicht: Denn sie sind auch bemitleidenswert. Sie irren sich. Sie sind auf den ersten Blick leicht in die dunkle Ecke des Buches zu kategorisieren und dann wieder will man sie dorthin gar nicht packen, jedenfalls die meisten.

Es ist kein Buch mit Wohlfühlcharakteren und auf einige hege ich immer noch großen Hass. Aber das ganze Gefüge von Figuren, die lügen und betrügen, die dabei auch sehr leiden und die sich selbst am besten darstellen und sich selbst immer im Recht sehen wollen, ist meisterhaft. Ich war angestrengt und bin sehr an meine Grenzen gekommen, wenn Romy wieder ein mal gemobbt wurde, wenn man sie von der Seite angemacht hat, wenn man ihren Schmerz bagatallisiert hat. Wenn plötzlich die ganze Schule weiß, dass sie betrunken gewesen ist und was dann geschehen ist; dass sie sich neben dem scheinbaren attention seeking auch noch zur Alkoholikerin entwickelt, anscheinend ganz nach ihrem Vater.

Anhand dieser nicht ganz so schwarz-weißen Figuren bekommen wir ein victim blaming der schlimmsten Sorte vor Augen geführt. Romy, die ihren Crush auf Kellan hatte, bevor er sie vergewaltigt hat, hat für die Bewohner der Kleinstadt damit keinerlei Anspruch, zu behaupten, dass er sie vergewaltigt haben könnte.

And now, a wolf at the door. 
So let him in.
„Paul was at the bar the other night and laid out some pretty serious accusations. [...] He said my son raped your daughter. [...] Of course, no one believes it but that still doesn’t mean he can go around saying it. I want to know why he’s saying it.“
[...] They let the conversation start out with coffee, with one sugar or two and do nothing when it comes to the crush she’d been nursing on his son these months and „You can’t deny you were attracted to him.“
No, she can’t, is what her silence says back to him. [...]
„You were drunk at my house, Friday night, I’ve talked to my sons and I have talked to Penny. No one else was drinking. You’re underage. I could pursue it, if I wanted. But I won’t.  [...] They say you chase after him. That you wore an outfit, hoping it would catch his attention. Short skirt, skimpy shirt. [...] Tell me about what you wrote in this e-mail here:
‚Penny, I want him. I dream about him.‘
(Seite 97f)

Und ich kann mit keinem Wort beschreiben, wie schmerzhaft es gewesen ist; wobei vor dem Schmerz erstmal Lähmung kam. Es kam vor, dass ich gelesen habe. Dass ich es trotzdem nicht begriffen habe. Dass ich auf eine andere Lösung gewartet habe. Es kam keine.

Der Stil des Buches ist simpel, aber harsch. Wir lesen aus dem Kopf von Romy Grey und Romy Grey macht sich keine Gedanken mehr um romantische oder sentimentale Dinge. Romy möchte ihre Ruhe und sie will meistens Konflikte vermeiden; sie analyisiert Geschehen und stellt sich dabei an den Rand, um nicht in den Fokus zu rücken, sehnt sich aber immer noch danach, irgendwie dazu zu gehören und einen Platz zu finden.
Es ist nicht immer leicht, das Buch zu lesen, aber einmal im Sog, ist es schwierig, sich daraus wieder zu lösen. Als ich das Buch beendet habe, hatte ich ein sehr hartes Krampfen in meinem Inneren und konnte mehrere Tage nicht aufhören, über das Buch nachzudenken. So schmucklos wie der Stil ist, so powerful ist die Message.

Denn die Message ist es, die wir mitnehmen sollen. Und weil ich diese so enorm wichtig finde, bin ich mit der Struktur des Buches nicht richtig zufrieden, ebenso wie mit dem Inhalt.
Wir haben Romy als eine Figur, die nach dem Vorfall immer noch traumatisiert ist, ihre Mutter, die ihrer Tochter immer noch fern ist und sie nicht mehr erreichen oder trösten kann, eine Kleinstadt, die nicht ernst nimmt, dass einem Mädchen so etwas schlimmes passieren konnte und das auch noch vom golden boy und Sohn des Sheriffs.

Der Plot, der sich ab der zweiten Hälfte darauf bezog, dass ein zweites Mädchen verschwindet, hat für mich zwar den Konflikt mit einer Konfrontation an die Oberfläche geholt, allerdings ist es da auch geblieben. Aus meiner Sicht hätte man ein weiteres Verschwinden eines Mädchens nicht gebraucht; man hätte nicht Romys zweites Trauma gebraucht, weil sie bereits eins hatte und das Buch genug Platz geboten hätte, um das thematisieren. Nicht mal um eine Lösung dafür zu finden, aber um dem, was geschehen ist, auch den Raum zu geben, denn das braucht Raum. Das braucht das Gespräch.

Das Verschwinden eines Mädchens hatte nur gering etwas mit ihr zu tun und hat die direkte Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Problem nur verschoben, denn das hatte nichts mit Romys Eingangsproblem zu tun, dass kaum einer ernst nimmt, dass sie vergewaltigt wurde. Stattdessen hat es Romy erneut zum Opfer gemacht, ohne dass man sie in der Rolle als Rape-Survivor besprochen hat, ohne dass man die psychischen Folgen von dauerhaftem Victim Blaming besprochen hat. Man hat sich gefühlt eine Nebenbank gesucht und dabei das Problem angerissen.

Auch wenn das Buch im Plot sehr von der Thematik abgeschweift ist, ist Romy als Betroffene sehr glaubwürdig und die Figuren, sowohl diejenigen, die hilflos daneben stehen, als auch die die sie nicht ernst nehmen wollen und die, die sie selbst dafür verantwortlich machen, was passiert ist.
Und das ist erschreckend genug.

All the rage verdient seinen Titel mehr als es sollte. Denn damn, wie wütend macht es mich zu lesen, dass es wie der größte Witz erscheint, dass ein Mädchen einen Crush auf einen Jungen hat und deshalb selbst schuld ist, wenn er sie vergewaltigt, weil sie dazu auch noch getrunken hat. Wie wütend es mich macht, wenn ich das auf die Storys übertrage, die man von Rape-Surviors hört, deren Stimmen man im Keim erstickt, because they asked for it oder, wie bei Romy, short skirt, skimpy shirt.
Als ich das Buch gelesen habe, war ich schockiert und jetzt bin ich es wieder. Und immer wieder, wenn ich die von mir markierten Szenen nochmal lese, wird mir bewusst, dass wir darüber sprechen müssen. Erneut und immer wieder. Bis die Vorurteile aufhören, bis es aufhört, dass man die Schuld beim Opfer sucht.
 Das Problem bei Vergewaltigungen ist nicht, dass es theoretisch Opfer gibt, sondern dass es praktisch Täter gibt.
Es gibt keine Gründe und es gibt keine Entschuldigung, gar Rechtfertigung, jemanden zu vergewaltigen, ob derjenige sich nun angezogen von demjenigen fühlt oder nicht. Ob er sich das vielleicht immer gewünscht hat oder nicht. Wenn das Opfer nicht will, wenn es zu betrunken/stoned/high/whatever um es zu entscheiden, ist es Vergewaltigung.
Es gibt keine Begründung, die Gewalt rechtfertigt.

Proper application of nail polish is a process. You can’t paint it on like it’s nothing and expect it to last. First, prep. [...] The base coat protects the nails and prevets staining.
I like the first coat of polish to be thin enough to dry by the time I’ve finished the last nail on the same hand. I keep my touch steady and light. I never drag the brush. I never go back into the bottle more than once per nail if I can help it. Over time with practice, I’ve learned how to tell if what’s on the brush will be enough.
Some people are lazy. They think if you’re using a highly pigmented polish, a second coat is unnecessary, but that’s not true. The second coat asserts the color and arms you against the everyday use of your hands, all the ways you can cause damage without thinking. [...]
The application of lipstick has similar demands. A smooth canvas is always best and dead skin must be removed. [...] I add the tiniest amount of balm, so my lips don’t dry out. It also gives the color something to hold on to. 
I run the fibers of my lip brush across the slanted top of my lipstick until my lips are coated and work the brush from the center of my lips out. After the first layer, I blot on tissue and add another layer, carefully following the outline of my small mouth before smudging the color out so it looks a little fuller. Like with the nail polish, layering always helps to last.
And then I’m ready.
(Seite 11f)


B E W E R T U N G

TIEFE: 4/5 Punkte
CHARAKTERE: 4/5 Punkte
KONZEPTION: 2/5 Punkte
GESAMT: 10/15 Punkten
Kaufempfehlung: Sollte man. Für die Charaktere, für Romy sollte man es wirklich lesen.

#redmylips endet am 30. April - die Message dahinter nicht

Sonntag, 22. April 2018
Triggerwarnung: Beschreibung einer Verfolgungsszene.
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#redmylips.

Das geisterte den ganzen April, und das wird hoffentlich weiterhin tun, durch Twitter und weitere Social Media Plattformen. Männer und Frauen tragen roten Lippenstift oder kleine abwaschbare Tattoos, um Aufmerksamkeit für sexualisierte Gewalt und Victim Blaming zu generieren. Dazu gehört auch: Die persönlichen Schilderungen Betroffener, das wiederholte Gespräch darüber, das, was man immer wieder führen muss.

Ich muss nicht bei Adam und Eva anfangen und erklären, weswegen es so wichtig ist, darüber zu sprechen und sich zu positionieren und auch Unterstützung und Solidarität mit Opfern von sexualisierter Gewalt und Victim Blaming zu zeigen. Wir haben in den Medien Donald Trump und Harvey Weinstein und das sind nur Beispiele für Prominente, die sich frauenverachtend und -erniedrigend zeigen.

Sexualisierte Gewalt passiert großen wie in kleinen Kreisen, vielen Menschen, die wir nicht kennen und Menschen, die wir kennen, ohne das darüber gesprochen wird.

Darüber zu sprechen, heißt auch, über das Ergebnis eines patriarchischen Systems zu sprechen, über ein Ergebnis, womit wir in Gesellschaft und Kultur immer noch aufwachsen, was wir von kleinauf als ein Gegebenes hinzunehmen lernen sollen.

Let’s talk about all that.


Sexualisierte Gewalt und Victim Blaming

Ich bin von der Unibibliothek nach Hause gefahren, wie jedes Mal, zweimal mit der U-Bahn umsteigen. Hab mich hingesetzt. Musik in den Ohren gehabt. Rausgeguckt. Bemerkt, dass mich jemand anguckt. Bemerkt, dass der Typ mir gegenüber mich anstarrt und nicht mal wegguckt, wenn ich hingucke. Ich habe es ignoriert, auch wenn es die zehn Minuten, die ich in der U-Bahn sitzen musste, unangenehm war. Und war froh, als ich raus war.
Wo sich dann herausstellte, dass dieser Mensch auch ausstieg. Ich fand die ununterbrochene Beobachtung beim Fahren unangenehm und hab mich beeilt, um zu meiner Umsteigebahn zu kommen, damit ich das hinter mir lassen kann. Hab dann mitgekriegt, dass er anscheinend in die gleiche Richtung muss. Ich hab mich beeilt und wollte weg, bin ein paar Schritte die Rolltreppe hochgegangen, blieb stehen. Der stellte sich dicht hinter mich. Ich hab ihn atmen gehört. Ich fing an, die Rolltreppe hochzulaufen, der fing an die Rolltreppe hochzulaufen. Als ich losgerannt bin, hab ich zurückgeguckt und gesehen, dass er mir hinterherrennt.

Die Story hat ein glimpfliches Ende: ich bin zu meiner anderen U-Bahn Haltestelle gerannt, wo viele Leute gewesen sind und habe mich hinter einer Wand versteckt. Ich hab den Typen danach auch nie wieder gesehen, auch als ich in die U-Bahn eingestiegen, gelähmt und ahnungslos gewesen bin, was ich jetzt tun soll und wie mein Handy funktioniert und wie ich eine Nachricht schreibe. Ich zehn Minuten lang heulend dagesessen und die Leute haben mich mitleidig angesehen, erst danach habe ich es geschafft, meiner Schwester einer Nachricht zu schicken, die mich sofort angerufen hat.
Es ist vielleicht nicht das Schlimmste, was mir zu dem Zeitpunkt passieren hätte können und vielleicht wäre nichts passiert, aber es verdeutlicht den Punkt, den ich machen will: es passierte plötzlich und es passierte an einem Ort, an dem ich momentan zweimal am Tag, viermal die Woche befinde. Es passierte ohne Vorwarnung und ohne, dass ich es erahnen konnte und ohne, dass ich irgendetwas gemacht hatte oder dagegen hätte tun können. Ich bin nicht unvorsichtig gewesen: Etwas Ähnliches ist mir noch zweimal danach passiert, wo ich die Erfahrung schon gemacht hatte.

Punkt zwei der Geschichte: Was danach passierte. Ich habe sehr geheult und konnte nicht sprechen. Das so ziemlich Erste, was an mich herangetragen worden ist, war: „Du warst nicht mal auffällig angezogen. Kein Röckchen. Nur der Lippenstift.“ (Fast ironisch: Er war rot.) Ich wurde noch gefragt, wie ich mich verhalten habe. Ich weiß nicht mehr, was ich geantwortet habe. Auch sagte man mir anschließend: „Du hättest schreien müssen.“ „Du hättest zu Menschen rennen müssen.“ Hätte, hätte, Fahrradkette. Mich hätte niemand verfolgen müssen.

Erst sehr weit am Ende des Gesprächs kam die Frage nach dem Typen: „Was war das für einer?“
Das Geschehene wurde zuerst auf mich projiziert, wie ich es verursacht haben oder eben nicht verursacht haben könnte, bevor infrage gestellt wurde, wieso jemand jemanden anderen verfolgen könnte; zwar hat niemand zu mir gesagt, dass es meine eigene Schuld ist, aber es hat das Licht gezeigt, in dem Opfer und Täter stehen. Erst war die Frage danach, ob ich es vielleicht provoziert habe – durch meine Kleidung, durch mein Make-Up, durch mein Verhalten vielleicht. Dabei ist hier die Wurzel doch derjenige, der die Gewalt ausübt und sollte nicht an demjenigen hängen, der sie erfährt. Denn der Verursacher, der Täter, ist es, der Macht demonstriert, denn genau das ist, physische wie psychische sexualisierte Gewalt. Die Demonstration von Macht, ein Ich-Nehme-Mir-Was-Ich-Will, Weil-Ich-Es-Kann. Und es wird mit Victim Blaming geduldet und gehuldigt.

The is the shit

Die Frage, die man vorneweg stellen muss, ist doch: Wieso passiert das überhaupt? Wieso passiert sexualisierte Gewalt? An aufreizender Kleidung oder Attraktivität einer Person kann es schwerlich liegen; denn nicht jeder, der mal jemanden trifft, zu dem er sich hingezogen fühlt oder vielleicht sogar weniger als das, wird diesen Menschen sexualisierte Gewalt zufügen.
Allgemeiner also hier ein Modell:

Eigentlich von pcar.org, gefunden bei redmylips.
Sexualisierte Gewalt fängt nicht in dem Moment an, in dem es zur Tat kommt. Es fängt schon weit vorher an. Es fängt mit Ideen und Schubladen an, in die binäre und nicht-binäre Geschlechter gesteckt werden und die dann an die nächste Generation weitergeben werden; um mich jetzt auf die binären Geschlechter zu beziehen (was jedes andere Geschlecht von sexualisierter Gewalt nicht unbetroffener macht), ist es beispielsweise das Denkmuster vom starken (männlichen) Geschlecht und dem schwachen (weiblichen) Geschlecht.
Hierbei entsteht ein Machtgefälle, das nicht nur historisch (ich werde nicht erst mit Frauenrechten anfangen) sichtbar ist, sondern auch in aktuellen branchentechnischen Machtgefällen, im Elternzeit nehmen, in Stimmen, die in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, auch wie man wahrgenommen wird und und und. Das kann man ewig ausführen. Aber auf dieses Gefälle will ich als mögliche Mitursache anpieksen.

Wenn wir jetzt von der Statistik ausgehen, die Jackson Katz im TED Talk nennt, dann sind 90-98 % der Täter männlich und der Großteil der Opfer ist weiblich. Die Erklärung hierfür ist so simpel wie kompliziert: Die Schubladisierung, die gesellschaftliche Erziehung, töpfert immer noch zwei Bilder: Der Mann, der beherrscht, die Frau, die beherrscht wird. Und weil der Mann beherrscht, nimmt er sich, was er will und weil er es kann. Dann sind es alle anderen, die empfindlich sind; dann wird sexuelle Belästigung bagatellisiert. Dann heißt es, nach der Vergewaltigung des Mädchens in Stanford, dass man doch hinterfragen sollte, ob man dem Mann, der sie traumatisiert zurückgelassen hat, wirklich eine lange Haftstrafe geben sollte, für etwas, was nur zwanzig Minuten gedauert hat?

Ich muss hier nicht weiter ausführen. Der Punkt ist klar. Klar sei auch, dass nicht nur Frauen Opfer sexualisierter Gewalt werden. Menschen jeden Geschlechts werden Opfer sexualisierter Gewalt. Männer werden Opfer sexualisierter Gewalt. Auch durch Männer. Die Dunkelziffer ist hier sehr viel größer. Und das gibt den Anstoß zum Nachdenken. Sowohl was die Dunkelziffer angeht, als auch was die Prozentzahl der männlichen Täter angeht.

Keiner wird zum Täter erzogen, aber schon immer eingetrichtert zu bekommen, dass es sein muss, dass man stark ist und dass man sich zu nehmen hat, was man will und dass man alles bekommen wird und man es sich ansonsten, weil man so privilegiert ist, einfach nimmt, gibt den Anstoß, aus welcher Ecke es kommt. Wir haben es hier mit einem toxischen Bild der Maskulinität zu tun, die keine Täterschaft rechtfertigt – ich wiederhole, nicht jeder Mann wird zum Vergewaltiger – aber das Bild einer Gesellschaft spiegelt, die erst in den letzten Jahren, gerade durch willensstarke Frauen, die laut in der Öffentlichkeit geworden sind und sich zur Wehr gesetzt haben, erkannt hat, das ein Geschlecht im zwei Geschlechter-System zurückgesetzt wurde.

Diese schädliche, aber verlangte Männlichkeit ist nicht die Ursache, aber spielt in diese hinein. Und ist mit Sicherheit eines der großen Erklärungen, wieso von Männern nicht über Gewalt, die ihnen - egal, ob von Mann oder Frau oder einem anderen Geschlecht – widerfahren ist, sprechen.

Auf die Gefahr hin, dass ich es wiederhole: Sexualisierte Gewalt kann jedem passieren, unabhängig von seiner sexuellen Orientierung, seinem Alter, seiner Hautfarbe, seiner Religion, seines Geschlechts, seines Aussehens, seines sozialen Status'. Es kann plötzlich passieren, an bekannten Orten, mit Menschen, die fremd sind, aber auch mit Menschen, die man kennt und/oder liebt.

Roter Lippenstift sitzt. Und wenn der April vorbei ist?

#redmylips ist genau dafür da. Es ist ein internationaler Hashtag, unter dem Menschen von überall her drauf reagieren und Bilder und Geschichten damit hashtaggen. Und gerade daran sieht man, wie wichtig das Spreaden von Aufmerksamkeit dafür ist.

Ich trage immer noch roten Lippenstift. Und wenn mich die Recherche des Beitrags eines gelehrt hat, dann wie unumgänglich, wie aktuell, wie schmerzhaft, aber eminent dieses Thema ist. Dass man immer wieder den Dialog suchen muss, immer wieder nach den Ursachen, nach der Wurzel des Problems und dass man an diesem arbeiten muss und nicht einfach mit den Ergebnissen. Mit denjenigen, die betroffen sind, muss man sprechen und zuhören, erfahren, wie damit umgegangen worden ist, denn Victim Blaming ist ein No-Go und immer noch zu vielfach da.

Alles, was geschieht, sollte man nicht in ein vorgefertigtes Licht stellen lassen, sondern in den Schatten sehen und erkennen, was ausgeblendet wird und wieso das geschieht und das an die Oberfläche bringen. Nicht verurteilen, sondern Empathie zeigen, denn das Opfer ist nie schuld daran, was passiert ist. Das kann eine berühmte Promi-Dame sein, die nur ihren Erfolg bekommt, wenn sie sich auf einen fragwürdigen Produzenten einlässt; das kann ein mittelalter Familienvater mit einer übergriffigen Frau sein. Das Opfer hat kein Standard-Gesicht, es hat keine Standard-Vorgeschichte und es wird niemals darum gehen, ob es sich in irgendein Terrain gewagt hat, wo es angeblich unvorsichtig gewesen ist.

Bei sexualisierter Gewalt und Victim Blaming sieht es derzeit nicht so aus, als hätte es ein Ablaufdatum. Auch wenn der April vorbei ist, bleibt das Thema und auch wenn wir dann nicht mehr offiziell mit rotem Lippenstift Awareness dafür aufbringen können, sollte der Faden hier nicht abreißen. Weiter darüber sprechen und Aufmerksamkeit beschaffen heißt es auch in allen weiteren Monaten des Jahres.

Alisha

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Quellen, bei denen ich mich belesen habe, zugehört und oben noch nicht als Hyperlink gesetzt habe. Darunter weitere Empfehlungen von Poetry-Slams von Betroffenen sexualisierter Gewalt.

http://www.redmylips.org

Sierra de Mulder
Blythe Blaird

Das Skepsiswerke-Team mit roten Lippen, entsprechend #redmylips.


Jugendbücher – von großer Kraft & großer Verantwortung

Sonntag, 15. April 2018
Wenn ich auf goodreads durch die Reviews & Status-Updates meiner Freunde (und Freundes Freunde) scrolle, stolpere ich mal nach kürzerem, mal nach längerem Scrollen, aber unweigerlich über die Aussage: „Eigentlich lese ich ja kein New Adult mehr, aber der Hype um dieses Buch hat mich meine Vorsicht einmal mehr über Bord werfen lassen.“ Und meistens folgt dann eine Rezension, die deutlich macht, dass all die Dinge, die der*die besagte Rezipient*in eh schon an dem Genre hasst, auch hier wieder Einzug gehalten haben.

Was … ich verstehen kann. Und schade finde.

Aber nicht, weil ich das New Adult Genre verteidigen möchte. Oder prinzipiell davon abrate, es zu lesen.

Ich finde bloß, dass wir einer wichtigen Debatte ihre Tiefe nehmen, wenn wir uns auf die Probleme von Subgenres konzentrieren, die ursprünglich nur Zielgruppenbezeichnungen waren und darin nicht mehr als Altersempfehlungen, ähnlich denen, die wir von Filmen kennen.

Wieso ein Jugendbuch?


Es gibt eine ganze Reihe völlig legitimer Gründe, sich den Lebensalltag von Teenagern anzugucken, die - dem amerikanischen Vorbild folgend – noch in der High School stecken oder gerade aufs College kommen, und diesen anschließend literarisch zu verarbeiten. Diese Phasen sind in der menschlichen Entwicklung essentiell. Wir finden heraus, wer wir sind, wer wir sein wollen, wie die Welt funktioniert und das Zusammenleben mit anderen. Wir sehen uns einer Desillusionierung nach der anderen gegenüber, erfahren (häufig) erstmals von der dunkleren Seite des Lebens, die die wehtut und Angst macht und im Angesicht ihrer Ausweglosigkeit lähmt. Und anstatt an der zunehmenden Unsicherheit zu zerbrechen, anstatt von ihr eingeschüchtert zu sein, wird von uns erwartet, am Ende als mündige*r Bürger*innen auf eigenen Beinen stehen zu dürfen.

Das ist eine verdammt große Aufgabe. Und es ist verdammt hilfreich, wenn sich jemand an unsere Seite stellt, während wir das schaffen sollen. Das sind idealer Weise unsere Freunde, unsere Familie, unsere Lehrer*innen. Aber es sind auch immer wieder die fiktionalen Charaktere, denen wir begegnen – und fiktionalen Charakteren in entsprechenden Alter begegnen wir in Jugendbüchern.

Völlig egal, ob sie der Phantastik, der Sci-Fi oder den realistischen Werken entspringen.

Harry Potter ist das Phänomen geworden, das es ist, weil wir mit den Charakteren groß geworden sind, weil die Themen der Charaktere zeitgleich unsere Themen waren: Freundschaft, Zugehörigkeit, erste Liebe, Neid, Vorurteile, unsere Sterblichkeit, Mut, das Gefühl, auf sich selbst gestellt zu sein, weil die Autoritäten versagen, …

Das sind unsere Themen.

 Die Dystopien-Diät


Wie sehr es unsere Themen sind, zeigt sich derzeit zum Beispiel in Amerika. Derzeit mobilisieren sich in Amerika sehr viele Jugendliche, um nach einem weiteren Amoklauf gegen amerikanischen Waffengesetze zu demonstrieren. Hier könnt ihr nachlesen, was Laura dazu für Skepsiswerke bereitsgeschrieben hat. In jedem Fall muss man den Schüler*innen, die dort ihre Zukunft nicht nur in die Hand nehmen, sondern auch in ein Mikrofon brüllen, um nicht übersehen zu werfen, dafür bewundern, dass sie in den Nachwirkung einer solchen Traumas so füreinander aufstehen und zur Stelle sind, wenn die Erwachsenen und besonders die Politiker es mal wieder nicht sind. So entsetzlich die Umstände auch sind, gegen diese Kinder demonstrieren müssen, es gibt Hoffnung für die Zukunft, weil wir hier gerade vor Augen geführt bekommen haben, dass wir einer Generation angehören, der die Welt nicht egal ist.

Woran das liegt?

Jennifer Ansbach (@JenAnsbach) twitterte am 18. Februar Folgendes:



Und ist es nicht so?

Sind das nicht die Kinder, die von einer Katniss Everdeen gelesen haben? Sind das nicht die Kinder, die von Tris & Four gelesen haben? Sind das nicht die Kinder, die von Cinder gelesen haben, von Scarlet, Cress & Winter? Die als Eingeweihte ebenfalls zur Illuminae Group gehören? Haben sie nicht neben Harry auch Dumbledore’s Armee begleitet? Wissen sie nicht, dass jenseits von den Auserwählten auch die Massen einen Unterschied machen, die Massen, die Nein sagen, auch wenn es gefährlich ist, auch wenn es Gegenwind gibt?

Sicher – in Amerika kommen derzeit viele, viele, viele Faktoren zusammen, die den Boden für solche Bewegungen fruchtbar machen. Mit Trump als Präsidenten hat der Widerstand in Form von Aktivismus nicht nur Aufschwung, sondern Notwendigkeit erhalten. Es ist bei Weitem nicht der erste Amoklauf gewesen, nicht das erste Mal, dass ein Beharren auf dem second amendment Leben fordert, und Amerika sich zwar ein paar prayer & thoughts abringt, aber keine Taten ergreift. Und die March For Our Lives Bewegung hat sehr starke (sehr junge) Menschen, die es schnell geschafft haben, weltweite Aufmerksamkeit zu generieren.

 Wir als Produkt unserer Bücherregale


Aber es ist doch nicht von der Hand zu weisen, wie sehr uns Bücher prägen, die wir in Zeiten lesen, in denen wir selbst auf der Suche nach Antworten sind. Ein sehr aktuelles Beispiel dafür, wie sich solche Bücher auf uns auswirken können, könnt ihr in meiner letzten Rezension zu Es war einmal Aleppo nachlesen.

Ein anderes Beispiel wäre die Bis(s)-Reihe und wie sehr sie die Einstellung zu akzeptablen, romantischem Verhalten geprägt hat. Edward, der sich ohne Bellas Wissen in ihr Zimmer schleicht & sie nachts beobachtet? Jacob, der Bella droht, sich im anstehenden Kampf umbringen zu lassen, es sei denn, sie gibt ihm einen guten Grund, es nicht zu tun (= gesteht ihm ihre Liebe, küsst ihn). Wow. Kein Wunder, dass ich mich in einen Jungen verliebt habe, der mich mehr als einmal darum hat bitten lassen, er möge sich nicht umbringen.

Tatsächlich wird es an dem Jugendbuch, das ich derzeit lese, noch deutlicher. „Herz im Gepäck“ von Brigitte Blobel war, als ich vierzehn oder fünfzehn war, eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Eine Liebesgeschichte, aber mit Schmackes. Mit Tiefgang. Ich hab’s irgendwem geliehen und hab es nie zurückbekommen. Durchs Stöbern in deutschen Jugendbuchlisten bin ich vor eine guten Woche über den Namen der Autorin gestolpert und eine kurze Googlesuche später auch auf das Buch selbst gestoßen. Ein paar Tage später hielt ich es in den Händen, bereit in den Reread zu schliddern.

Und jenseits der Dinge, die mir auffallen, weil ich sie heute nicht mehr unkommentiert lassen kann – ableistische und lookistische Äußerungen, Ansätze von slutshaming – ist es, als würde ich in eine Zeitmaschine steigen und mir durch einen abgefahrenen Spiegel die Kira angucken, die sich zum Einen von diesem Buch zu etlichen Stories hat inspirieren lassen, die diesem Buch aber zum Anderen vor allem auch geglaubt hat.

Ich habe ihm geglaubt, dass Menschen attraktiv sind, die sich Gedanken um die Welt machen, die wütend sind, wenn sie sich die Welt angucken, und manchmal traurig, und die finden, dass man in ihr etwas bewegen muss. Menschen, die diese Emotionen ausdrücken.

Ich habe ihm geglaubt, dass es unfair ist, auf Menschen herabzublicken, die anders sind als du – auf eine andere Schule gehen, einen anderen sozialen Hintergrund haben, die weniger Privilegien haben als du.

Ich habe ihm geglaubt, dass man sich lossagen muss, von denjenigen, die in solchen Denkmustern verweilen wollen. Selbst dann, wenn sie vor dem Gesetz noch das Recht haben, über dich zu bestimmen.

Und ich könnte euch die genauen Punkte meiner Biographie aufzeigen, an denen diese Überzeugungen gegriffen haben. Nicht, weil ich so sein wollte wie Julie. So bewusst ist mir das nie gewesen. Aber rückblickend ist es nicht zu leugnen. Meine erste große Liebe ist die logische Schlussfolgerung dieser Lektüre.

Was einmal mehr zeigt, dass Jugendbücher eine verdammt große Wirkung haben.

Nicht nur auf mich.

Ein gutes Jugendbuch


Auf Twitter habe ich danach gefragt, welche Jugendbücher am besten gefallen haben und wieso. Genannt wurden aktuelle realistische Titel wie »Simon vs. The Homo Sapiens Agenda« , »The Upside of Unrequited«, »The Fault in Our Stars«, »Looking for Alaska«, »The Perks of being a wallflower«, aber auch aktuelle Titel aus dem Bereich des Phantastischen: »The Gentleman’s Guide to Vice & Virtue«, »Six of Crows«, »The Rebel of the Sands« und »State of Sorrow«. Und Klassiker! Ronja Räubertochter, die Unendliche Geschichte. Der Fänger im Roggen. (Und erstaunlicher Weise kein einziges Mal Harry Potter!)

Unterschiedlichste Geschichten, die den Sprung auf das Jugendbuch-Podest allesamt wegen mehr oder weniger derselben Erklärung geschafft haben:

„weil [es] zeigt, dass es ein Leben nach dem Überleben gibt“ – „weil [es] mich gelehrt hat, dass Heldinnen auch mal egoistisch sein dürfen“ – „[es] stellt so wichtige Fragen, damit der Leser nicht nur seine Ansichten, sondern auch sich hinterfragt“ – „[es] hat mir gezeigt, dass man sich nicht von seinen Vorurteilen beherrschen lassen muss“ – „weil ich mich mit seiner existenziellen Angst so gut identifizieren kann“ – „eine zart angedeutete Liebesgeschichte, aber noch viel wichtigere Freundschafts- und Familienbeziehungen“ – „weil sie authentisch wirken und wichtige Themen aufgreifen“

Kurz gesagt: authentische Charaktere & wichtige Aussagen. Und damit ist das Jugendbuch gerade für Belange der richtigen, respektvollen Repräsentation, einer Sensibilisierung für Privilegien, einen Erstkontakt mit Lebensentwürfen, die mit unserem nichts zu tun haben, so ein wichtiges Medium. Hier begegnen Leser*innen erstmalig und von da an immer wieder den großen Fragen ihres Lebens, den wichtigen Fragen der Menschheit, seien diese individueller, politischer oder existenzieller Manier.

 Eine große Kraft. Aus der große Verantwortung folgt.


Es geht nicht um Antworten. Ein Jugendbuch muss keine Doktrin sein. Aber es sollte zeigen, wie man an Antworten herankommt, wo sie sich verbergen könnten, was man tun, wenn man sie nicht sofort findet, wenn man vielleicht überhaupt keine Hoffnung hat, sie jemals zu finden. Es muss seinen Leser*innen dabei helfen, ihr Leben besser bewältigen zu können. Wie es das macht, ob es ermutigt oder Augen öffnet oder hoffnungsvoll stimmt oder mit der Welt versöhnt oder mit Autoritäten bricht oder, oder, oder, ist zweitrangig, solang es nur diese Aufgabe ernstnimmt.

Und auf diese Weise sollten auch wir das Genre ernstnehmen.

Das Problem am New Adult Roman ist nicht das College Setting. Es ist auch nicht das Sixpack des Love Interests. Oder die schwierige Vergangenheit der Protagonistin.

Probleme bestehen, wo der Love Interest immer weiß, immer able-bodied, immer cissexuell, immer hetero ist. Probleme bestehen, wo die Begegnung mit dem Love Interest die traumatische Vergangenheit auf beinahe magische Weise überwinden.

Probleme bestehen, wo die Bücher zu kurz treten. Wo sie ihre Aufgaben nicht ernstnehmen. Wo sie ihre Charaktere vernachlässigen und Lesern damit Chancen nehmen, Repräsentation zu finden. Wo sie ihre Leser*innen für blöd verkaufen, weil sie komplexe Themen aufmachen, sie aber in ihrer Komplexität nie stehen lassen. Wo sie gefährliche Stereotype und schädliche Narrative reproduzieren anstatt Weltbilder und damit Geister zu öffnen.

Weil Bücher, und Jugendbücher mehr als viele andere Genres, eine Verantwortung haben. Eine Verantwortung für ihre Leserschaft.

Und genau dort sollte unsere Kritik ansetzen. Dort sollten wir einhaken, wenn wir loben oder verteufeln. Dort sollte diese Debatte Fuß fassen, wachsen und in konstruktiver Kritik erblühen.
Damit die Schüler und Schülerinnen Amerikas nicht alleine stehen müssen. Damit überall Menschen aufstehen. Menschen, mit denen sich in den nächsten Jahren und nächsten Jahrzehnten eine Welt nicht nur gestalten, sondern retten lässt. Denn das wird unsere Aufgabe sein, ob wir es einsehen wollen oder nicht.

Und wenn Jugendbücher unsere Schulen, Protagonisten unsere Mentoren und Fandoms die Nester, in denen unsere Reformen, Revolutionen und Rebellionen erwachsen, dann sollte jeder von uns wissen, was er zu tun hat.

In diesem Sinne: an die Bücher, fertig, los.
Eure Kira ♥

Unser einziger Planet

Sonntag, 8. April 2018

Letzten Monat, am 22. März, war der Weltwassertag. Ich hab bereits eine lange Tweet-Reihe dazu verfasst, aber Tweets gehen unter, während Blogbeiträge bestehen bleiben. Und die Ozeane, die unsere Kontinente umspülen, sollten nicht untergehen. Und erst recht nicht, was mit ihnen passiert. Ich war auf einem Vortrag des Umweltaktivisten und Start-Up-Unternehmers Christoph Schulz (Wenn ihr seinen Namen klickt, landet ihr bei CareElite, wo er über Plastikmüll aufklärt, Firmen empfiehlt und informiert, wie plastikfrei gelebt werden kann). Was ich hier geschrieben habe, hab ich daraus erfahren und mich zunehmend noch informiert. Unsere Gesellschaft muss hat hier noch Einziges zu tun.

Das Plastikproblem

Die Welt hat ein Plastikproblem. Plastik ist günstig in der Verarbeitung (Kleidung aus Polyacryl, Polyester, etc ist zum Beispiel auch deutlich günstiger) und in Unmengen produzierbar, kostet weniger Arbeitskräfte (statt zum Beispiel Baumwolle, die gepflückt werden muss) und ist generell eine einfache Lösung für alles. Die Zahnpasta hat nicht die richtige Konsistenz? Knallen wir ein bisschen Mikroplastik rein, um das zu strecken, dann passt das schon.

Aber Plastik zersetzt sich nicht. Es stapelt sich. Die Müllberge steigen. Die Plastikberge werden größer. Und immer noch werden Unmengen Plastikmüll auf verschiedenen Wegen in die Ozeane geleitet.
Bereits jetzt sind 120 Tonnen(!) Plastikmüll in den Ozeanen der Welt. 15% davon sind an der Wasseroberfläche und 15% landen an Stränden von zum Beispiel in Bali, in Sri Lanka, Indien und wie sie nicht alle heißen. In Ländern wie Bali wird Plastik bisher nicht mal wieder verwendet, wie wir das beispielsweise von Pfandflaschen kennen – Nachdem eine Flasche leer ist, verliert sie ihren Wert. Und wird weggeworfen. Oftmals sogar mitten auf die Straße. Oder Leute sammeln ihren Müll und kippen alles an die Strände, weil nur zweimal oder dreimal die Woche ein Bagger kommt, der die Müllsäcke/den Müll generell von den Straßen holt.

In Deutschland ist das anders. Wir haben Aufklärung. Uns ist klar, dass Plastik ewig braucht, um sich zu zersetzen und schmeißen es sonst wohin, als ob dieser Planet nicht unser Einziger wäre, sondern als ob wir noch zehn andere in der Hinterhand hätten. Wir fangen an zu recyclen, sind aber erst bei 40%. Was passiert mit den anderen 60%?

Jeder Deutsche produziert im Jahr 37 Kilogramm Plastikmüll im Durchschnitt. Wiegt doch mal das Plastik, in dem eure Wurst/Käse/etc eingeschlagen ist. Rechnet dann mal hoch, wie viele Verpackungen ihr bräuchtet, um bei 37 Kilogramm anzukommen. Und das jährlich. Pro Mensch in Deutschland (und es gibt Länder wie die USA, China, in denen nicht nur die Bevölkerungsanzahl höher ist, sondern der Plastikverbrauch noch immenser). Ihr schmeißt leere Verpackungen wahrscheinlich weg, aber von euren 37 Kilogramm werden nur 40% recycled. Der Rest muss weggeschafft werden, auf Müllberge, Inseln und … Auch in Ozeanen.

Was bedeutet das?
Großes Tieresterben. Es gibt verschiedene Horrorszenarien – Wir erinnern uns alle an das Foto des Albatross, dessen Magen voll mit Plastikmüll war: Becher, Feuerzeuge, Plastiktüten. Alles gefressen, weil er es entweder beim Jagen von Beute versehentlich mitverschluckt hat (15% Plastik sind ja an der Wasseroberfläche) oder weil er es für Nahrung gehalten hat.
Kleine Babyschildkröten verheddern sich in Sixpackringen, die sie am Anfang nicht sonderlich stören. Aber wenn sie irgendwann groß werden, wird der Ring zu klein und wird sie ersticken, weil sie sich aus diesem anschließend nicht mehr befreien können. Sie fressen Plastiktüten (wir kennen doch diese weißen Plastiktüten, die uns zum Beispiel in Supermärkte mitgegeben werden), weil sie im Wasser ähnlich aussehen wie Quallen. Aber es ist keine Qualle. Da steckt dann eine Plastiktüte im Tierkörper und wisst ihr, wie lange eine Plastiktüte braucht, um sich zu zersetzen? 20-50 Jahre. Vorher blockiert und zerstört sie das Innere der Schildkröte, die eine Qualle fressen wollte.

Ich muss nicht fortsetzen. 2050, so die Prognose, wird es mehr Plastik im Wasser geben als Fische. Wir werden das Plastik, das wir hineingeworfen haben, wieder zu uns nehmen, wenn wir Fisch essen. Wir nehmen wahrscheinlich bereits Plastik zu uns – Mikroplastik.
Mikroplastik befindet sich beispielsweise in Waschmittel, Kleidung, Zahnpasta und Kosmetika. Auch in Waschgelen, die wir benutzen. A) Können Kläranlagen diese winzigen Teilchen nicht filtern und B) verschmutzen sie auch unsere Ozeane.

In den Ozeanen bilden sich inzwischen sogenannte „Garbage“-Strudel. Sie befinden sich in der Nähe des Äquators, weil da die Meereströme aufeinander trefffen. Es gibt fünf sehr große Strudel. Beispielsweise wird der Nordpazifische Müllstrudel auf eine Größe von circa 700.000 bis sogar 15.000.000 Quadratmetern geschätzt. Im Inneren ist tonnenweise Plastikmüll, der sich die ganze Zeit dreht.

Was ist das für Müll, der im Meer landet?
Wir leben in einer Einweggsellschaft. Wir lieben Dinge, die wir einmal benutzen und dann wegwerfen können, also sind nicht nur Pfandflaschen das Problem. Windeln für Kinder (die zu 70-80% aus Plastik bestehen), Einwegrasierer, Shampooflaschen, Joghurtbecher, Verpackungen von Süßigkeiten, Verpackungen von Wurst und Käse, Getränkebecher (Becher von McDonalds zum Beispiel), Q-Tipps, die Liste ist unendlich lang.


Photo by Jeremy Bishop on Unsplash

Was können wir tun?
Viele leben mit dem Eindruck, dass man als Einzelner nichts tun kann. Was nicht wahr ist! Natürlich können wir alleine nicht den Planeten retten und den Müll, den wir vermeiden, wird nicht den Ozean von Plastik befreien. Aber wenn jeder von uns bewusster lebt und sich vor Augen führt, wo er Plastik benutzt und wo er es vermeiden kann, ist schon viel geholfen. Hier ein paar Möglichkeiten, was sich im Alltag integrieren lässt:

Edelstahlflaschen statt Pfandflaschen
Trinkt Wasser aus dem Hahn aus eurer Edelstahlflasche. Wasser aus dem Hahn ist gefühlt 100% günstiger als beispielsweise Wasser von Volvic zu kaufen. Ihr könnt eure Edelstahlflasche immer wieder auffüllen, sie ist leicht, es gibt sie in super vielen, verschiedenen Farben und ihr spart euch die Zeit und Mühe, die Flaschen zu sammeln und wieder wegzubringen. Das Einkaufsverhalten der Menschen beeinflusst den Markt. Wenn weniger Flaschen gekauft werden, werden auch weniger produziert, also tut ihr auch gleich etwas für die Umwelt.

Trage einen Thermobecher oder Boxen mit dir herum
Thermobecher sind toll, wenn du dir unterwegs einen Tee kaufen willst oder einen Kaffee. In den meisten Shops sind Becher aus Plastik oder zumindest zum großen Teil. Du sparst dir das Wegschmeißen und dein Getränk bleibt auch länger heiß.
In die Boxen kannst du dir zum Beispiel Essen füllen lassen, wenn es dich unterwegs packt. Das klappt nicht immer, aber einen Versuch ist es wert, besonders auch wenn du beim Einkaufen bist und Wurst/Käse kaufen an die Theke gehst. Auch beim Bäcker kannst du versuchen, dir ein eigenes Netz mitzunehmen, in das die Brötchen dann geworfen werden.

Gehe auf dem Wochenmarkt oder in Unverpackt-Läden einkaufen
Hier kannst du dir dein Essen in Boxen/Netze/etc einfüllen lassen. Falls du keine Zeit dafür hast, es sowas bei dir in der Nähe nicht gibt, ist es einfach hilfreich, die Augen offen zu halten, wo du Plastik sparen kannst (zum Beispiel Tiefgekühltes von Frosta kaufen! Die verpacken nur einmal und zwar in Pappe). Oder kauft keine „Bio“gurke, die in Plastik eingeschlagen ist

Verzichte
Wenn du unterwegs Hunger kriegst und gerade nichts dabei hast: Frag dich doch, ob du nicht zu Hause auch essen kannst. Oder in eine Restaurant in der Nähe, wo du einen Teller kriegst. Auf der Veranstaltung, auf der ich war, sagte eine Frau so passend: „Früher musste auch nicht immer und überall gegessen werden!“

Checkt, welche Produkte, die ihr nutzt, Mikroplastik enthalten
Es gibt die App „CodeCheck“. Damit könnt ihr Barcodes scannen und seht, wo Mikroplastik drin ist. Zum Beispiel auch in Cremes. Ehrlich: Wollen wir uns das auch noch ins Gesicht schmieren? Plastik? Soll das unser Haut gut tun?

Versuch dich an DIY
Seifen, Duschgele und andere Hygieneprodukte lassen sich selbst herstellen. Ihr könnt eigene, wiederverwendbare Packungen nehmen und ihr wisst, was drinnen ist. Wie cool ist das bitte?

Kauft Naturfasern
Baumwollkleidung ist teurer, das weiß ich. Aber immer, wenn ihr euren Polyester-Pullover oder Polyacryl-Schal wascht, fliegen Plastikfasern ins Wasser, die sich nicht filtern lassen. Baumwolle hält aber für gewöhnlich länger, ist qualitativ hochwertiger und dementsprechend auch ein längerer Freund von euch.
Natürlich gibt es auch Teile, die sind einfach aus anderen Materialien, die nicht Naturfasern sind. Die könnt ihr in Wäschesäcke stecken, wo die Fasern aufgefangen werden, dann tut ihr zumindest auch was dafür.

Tragt einen Beutel mit euch herum
Plastiktüten sind zumindest keine Selbstverständlichkeit mehr, zumindest in Deutschland. Aber ihr könnt euch auch die Papptüte sparen, indem ihr einfach selber einen Beutel mit euch herumtragt und so immer alles tragen könnt, das ihr unterwegs einkauft.

Habt ihr noch mehr Hinweise? Schreibt sie in die Kommentare, dann werde ich die Liste ergänzen!

Natürlich ist es schwierig, alles davon umzusetzen. Nichts davon geht von heute auf morgen, besonders, weil Plastik hier einfach Alltag ist, auch noch für mich. Schritt für Schritt lassen sich Dinge umsetzen, beispielsweise hab ich – seit ich den Vortrag von Christoph Schulz gehört hab – aufgehört, Wasser aus Plastikflaschen zu trinken, sondern trinke Wasser aus dem Hahn aus einer Edelstahlflasche. Das Auffüllen nervt etwas, weil nur ein Liter reingeht, aber man gewöhnt sich sehr schnell daran. Ich trage auch immer einen Thermobecher und einen Beutel mit mir herum, ich verzichte immer öfter auf Essen unterwegs und achte auf meine Kleidung. Perfekt macht mich das nicht, aber jeden Tag ein bisschen mehr und das wird. Niemand verlangt von euch, dass ihr zum Beispiel keinen Computer mehr benutzt, weil die Tastatur aus Plastik ist. Nur mit der Einweg-Politik muss Schluss sein!

Wir haben nur diesen einen Planeten! 
So sollten wir ihn auch behandeln.

• Alles, alles Liebe
Laura