[BUCHREZENSION] Berühre Mich. Nicht. - Laura Kneidl

Sonntag, 4. Februar 2018

Inhalt:

Als Sage in Nevada ankommt, besitzt sie nichts – kein Geld, keine Wohnung, keine Freunde. Nichts außer dem eisernen Willen, neu zu beginnen und das, was zu Hause geschehen ist, zu vergessen. Das ist allerdings schwer, wenn einen die Erinnerungen auf jedem Schritt begleiten und die Angst immer wieder über einen hereinbricht. So auch, als Sage ihren Job in einer Bibliothek antritt und dort auf Luca trifft. Mit seinen stechend grauen Augen und seinen Tätowierungen steht er für alles, wovor Sage sich fürchtet. Doch Luca ist nicht der, der er auf den ersten Blick zu sein scheint. Und als es Sage gelingt, hinter seine Fassade zu blicken, lässt das ihr Herz gefährlich schneller schlagen ...


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Buch: Berühre Mich. Nicht.
Autorin: Laura Kneidl
Verlag: LYX
Taschenbuch: 462 Seiten
Sprache: Deutsch
Preis: 12,90 €
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DISCLAIMER:
Diese Rezension wird nicht restlos ohne Spoiler auskommen, da meine Kritik sich mit dem grundlegenden Umgang der Posttraumatischen Belastungsstörung der Protagonistin befasst und hierzu Textbeispiele angebracht werden.

Wir befinden uns momentan in einer Zeit, in der Diversität in Jugendliteratur ein Qualitätsmerkmal wird. Leser_innen fordern Romane mit Protagonisten, die bisher minderrepräsentierten Kollektiven entstammen. Dafür können wir nur dankbar sein, weil Diversität in der Literatur auf der einen Seite unseren Horizont erweitern kann und auf der anderen Seiten unseren Mitmenschen, die bisher kaum je unkomprimierte Identifizierungsflächen in der Literatur gefunden haben, Gelegenheit bietet, endlich Geschichten zu lesen, in denen sie die Helden sind.

Mit dieser Entwicklung geht jedoch eine gewisse Verantwortung einher, der Autor_innen sich nicht entziehen können, die Geschichten schreiben, die sich mit Diversität brüsten. Da die gesellschaftliche Mehrheit eine privilegierte Sozialisation genießt, ist der Blick auf die Wirklichkeit derjenigen, denen diese Privilegien nicht zuteil wurden, oft verzerrt. Es braucht in diesen Fällen also besonders viel Recherche, wie in unserem vorletzten Skepsiswerke-Beitrag schon angeklungen ist.

Womit wir zu Berühre Mich. Nicht. kommen, denn gerade im Fall von Sage und ihrem Leben mit der Angst hat es mir an solider Recherche extrem gemangelt. An dieser Stelle sei erwähnt: Ich bin nicht selbst betroffen - weder von einer generalisierten Angststörung noch von einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Alles, was ich an Wissen über diese Krankheiten habe, stammt aus meinem Psychologiestudium (Bachelor minor), insbesondere aus der Vorlesung über Klinische Psychologie.

Wir begegnen Sage als einer Protagonistin, die vor ihrer Vergangenheit flieht und alleine ins 3000 Meilen entfernte Melview zieht, um dort zu studieren. Auf den ersten Seiten wird klar: Sie flieht vor Misshandlungserfahrungen, ein paar Seiten später: es geht um innerfamiliären Kindesmissbrauch. Und worin zeigt es sich? In Angst vor Männern.

Bis hierhin – kein Problem. Im Gegenteil: bis hierhin hatte ich gute Hoffnungen für die Story. Denn ich hätte sie liebend gern gemocht – ein deutscher Bestseller mit einem Fokus auf einer Angstpatientin? Gott, wie ich das geliebt hätte. Und das hätte klappen können. Wir hätten ein mit Berühre Mich. Nicht. ein Buch bekommen können, über ein junges Mädchen, das sich aus einer schrecklichen Situation befreit und das mithilfe von Freunden (und Freunden, die zu mehr werden könnten) beginnt, sich ihr Leben zurückzuholen. Es aus den Klauen des Traumata zu befreien, das sie so sehr einschränkt, dass sie ihrem neuen Arbeitgeber am Anfang nicht die Hand geben kann, weil er zufällig ein Mann ist.

Mehr noch: ich glaube, Berühre Mich. Nicht. hätte mich Leichtigkeit dieses Buch sein können. So viel wurde angelegt, das so wichtig gewesen wäre. Sages Therapie wird thematisiert (wenn auch vor allem nur in ihren äußeren Merkmale ‚korrekt’ - die Dauer, bis es zur Behandlung kommt, die Kosten, die damit verbunden sind) und damit wird wenigstens angedeutet, dass es kein Fall von ‚Liebe heilt alles’ ist (wobei für die Gesamheit des Buches das zu hinterfragen bleibt). Außerdem sehen wir Sage in Angstsituationen mit passender Angstreaktion. Wir sehen in vielen Kontexten eine graduelle Verbesserung dieser Angst, Schritt für Schritt, und wir sehen die etlichen Vermeidungstaktiken, die sie implementiert, um ihrer Angst für einige Momente entkommen zu können. Wir sehen auch, wie sie ein stabiles soziales Netzwerk ausbaut, in dem sie Vertrauen finden und Kraft schöpfen kann.

Aber final hätte man jeden dieser Schritte weiter denken müssen, ihn gewissenhafter zu Ende führen. Sprechen wir zuerst über die Therapie, um zu verdeutlichen, was ich damit meine.

Auch wenn ich es unwahrscheinlich finde, dass eine junge Frau, die seit acht Jahren misshandelt wird, nie gegoogelt hat, was das mit ihr macht, und deswegen auch nie auf den Begriff Posttraumatische Belastungsstörung gestoßen ist, kann ich das als realistisch annehmen. Sage hat keinen eigenen Laptop, vielleicht war sie auch zu beschäftigt damit, ihre Familiensituation zu überstehen, okay. (Wobei immer wieder angedeutet wird, dass sie mit einer Schulpsychologin gesprochen hat, die den Begriff wiederum hätte kennen müssen). Spätestens aber, wenn sie das erste Mal auf ihre Therapeutin trifft, hätte sich die „Angststörung“, die sie angeblich hat, als das offenbaren sollen, was es wirklich ist: eine Posttraumatische Belastungsstörung.

Hier ein kurzer Informations-Input, damit wir alle auf demselben Stand sind:

ICD-10 Klassifizierung
F 43.1 Posttraumatische Belastungsstörung 1. Ereignis von außergewöhnlicher Bedrohung o. mit katastrophalem Ausgang 2. Anhaltende Erinnerung o. Wiedererleben der Belastung (Flashbacks, wiederholende Träume, innere Bedrängnis in ähnlichen Situationen) 3. Umstände, die der Belastung ähneln, werden vermieden. 4. Entweder a: Unfähigkeit, sich an wichtige Aspekte zu erinnern b: 2 Symptome einer erhöhten psychischen Sensitivität: Ein- & Durchschlafstörungen, Reizbarkeit / Wutausbrüche, Konzentrationsschwierigkeiten, erhöhte Schreckhaftigkeit 5. Die Kriterien 2, 3 und 4 treten innerhalb von 6 Monaten nach dem Ereignis auf.

In Sages Fall handelt es sich um ein Interpersonelles Typ-II-Trauma, das ein hohes Risiko für eine Posttraumatische Belastungsstörung bedeutet. „Nichtbehandelte PTBS führen zu höheren Raten von Familien- & Partnerschaftsproblemen, erhöhen Scheidungsraten sowie höhere Raten von Arbeitsproblemen bzw Arbeitslosigkeit. Für diese psychosozialen Komplikationen lassen sich u.a. die symptom-bedingten Beeinträchtigungen der Betroffenen (z.B. Vermeidungsverhalten, Konzentrationsschwierigkeiten, erhöhte Reizbarkeit) verantwortlich machen.“1

Womöglich mit Ausnahme der Wutausbrüche finden sich all diese Symptome in Sage wieder. Aber gut, hier ist es eine Frage von Begrifflichkeiten: obgleich die am leichtesten zu beheben scheint, mag sie auch den geringsten Impact haben.
Das Verhalten der Psychologin ist jedoch schwerwiegender: nicht nur, dass sie Sage bei ihrem ersten Treffen ihre Störung in den Mund legt und suggestive Fragen der Teufel der Psychologie sind, sie bittet Sage auch, einen vollkommen unbeteiligten Menschen mit zur Therapie zu bringen, bevor Sage auch nur die ersten Konfrontationsübungen unter therapeutischer Anleitung durchgeführt hat. Darüber hinaus spricht sie Sage in der Öffentlichkeit an, ohne dass Sage davor auf sie zugegangen wäre … was nicht den üblichen Standards von Umgang zwischen Psychologen und Patienten entspricht. Ich durfte Patienten auf der Straße nicht mal ansprechen, während ich mein FSJ in der Psychiatrie gemacht habe, um auch sicher zu gewährleisten, dass ihre Privatsphäre gewahrt wird.

Ich kann verstehen, wenn man diese Informationen nicht einfach hat. Die fliegen einem nicht zu, wenn man Laie ist. Aber aufs erste Googlen hin gibt es mehrere Links, die einen über mögliche Therapien informieren. Und wenn ich die Therapie darstellen will, so detailliert, dass ich Sessions minutiös wiedergeben, samt Dialog zwischen Psychologin und Patienten, erwarte ich mindestens dieses Level an Recherche. (Dass eine derartige Darstellung nicht nötig gewesen wäre, beweist Kneidl in Teil II der Reihe – in der Therapie noch thematisiert wird, aber nicht auf eine so detaillierte Weise, die dann Gelegenheit zu falscher Darstellung bietet.)

Und ich erwarte mir auch eine Konsistenz der Beschreibung des Krankheitsbildes, die nicht an jeder beliebigen Stelle der Bequemlichkeit des Plots weicht. Nur, weil ich mich in jemanden verliebe, schwindet meine PTBS nicht. Dass Luca für Sage, ohne jegliche therapeutische Anleitung, bald keine Angst mehr bedeutet, ist unwahrscheinlich. Das grenzt an Wunderheilung durch Liebe, wie sie im Rahmen psychischer Krankheiten schädlicher kaum sein kann. Während des gesamten Lesens konnte ich nicht vergessen, wie sich ein Jugendlicher fühlen mag, der diese Symptomatik zeigt und sich so gerne verlieben würde oder auch verliebt hat, aber über seine Symptomatik alleine nicht hinweg kommt. Wie frustrierend, wie schädlich muss das sein, entweder glauben zu müssen, man liebe nicht genug, oder darauf zu verzichten, sich Hilfe zu holen, weil man sich ja nur verlieben muss, um "geheilt" zu werden.

Und ich verlange hier nichts Unmögliches, aber wenn eine Szene, die als Flirt beginnt, aber bald alle Anzeichen von Nötigung enthält, keinerlei Angstreaktion in Sage auslöst, sondern zu einem Kuss führt, dann muss man sich fragen, welche Priorität die korrekte Darstellung des Krankheitsbildes neben dem Plot hatte. Auf zwei Seiten ignoriert er ihr „Nein“ sechs Mal; zieht sie zu sich/lehnt sich so nah zu ihr herüber, dass sie seinen Atem spüren kann; drängt sie fünf Mal, „es“ ihr zu sagen und manipuliert sie emotional [„Du schuldest mir etwas, Sage“ / „Ich habe meine Meinung geändert, und vielleicht ändere ich sie wieder, wenn du mir sagst, was ich hören will“ / „Sag mir, was ich hören möchte“] - vgl. S. 343-346).
Wer das Buch gelesen hat, weiß, wie ähnlich diese Szene denjenigen gewesen ist, die im Zentrum ihres Traumas stehen, und so attraktiv kann kein Mensch der Welt sein, dass ich die Parallelen überlese.



Und überhaupt – die Beziehung zwischen Luca und Sage. Während Luca mit der Geduld eines Engels gezeichnet ist und nie Erklärungen verlangt und scheinbar immer weiß, wie er sich richtig zu verhalten hat, belügt Sage ihn bis zum Ende, lässt ihn stehen, ohne sich je eine Erklärung abzuringen und erwartet dann, dass alles ganz normal weiter geht. Das wirkt auf mich schon höchst ungesund (für Luca), wird aber noch dadurch verschärft, dass die Beziehung der beiden als die eine angepriesen wird, in der sie vertrauen lernt. Die Beziehung, der sie „Heilung“ zu verdanken hat. Und auf knapp 800 Seiten (Teil I und Teile von Teil II) schafft sie es nicht, ihm die Wahrheit zu sagen? Wow. Was für eine inspirierende Beziehung. Was für ein Erfolg.

Was so schade ist. Weil Laura Kneidl einen wunderbaren Fokus auf die Freundschaften legt, die Sage knüpft und pflegt. Mit April, mit Megan. Aber auch mit Luca. Die Entwicklung dahingehend ist großartig. Sie entwickeln sich langsam, die Beziehungen, aber sie entwickeln sich (bis auf den PTBS-Teil) glaubwürdig. Man hätte eine großartige Geschichte daraus machen können, hätte man früher mit offenen Karten gespielt, hätte man sich Hilfe bei der Recherche geholt von Betroffenen, Psychologen oder auch nur Psychologiestudenten. Man, das macht die Enttäuschung bei mir nur bitterer, dass ich so viel Potential sehe und dann doch so viele verschenkte Chancen bemerken musste. Denn ich bin jeweils in drei Tagen durch die Bücher geflogen. Und musste mir nach dem Cliffhanger des ersten Teils den zweiten kaufen, sobald er rauskam. Sogwirkung? Ohne Frage.

Aber Sogwirkung alleine macht für mich ein Buch nicht gut. Vor allem nicht dann, wenn es sich mit Diversität schmückt und dann so wenig abliefert, wenn es an die korrekte Repräsentation dieser Diversität geht. Schade! Bei so viel Öffentlichkeit und Erfolg hätte eine ermutigende, ehrliche Geschichte über die Behandlung einer PTBS – auch im Rahmen von Freundschaften (und aufkeimenden Beziehungen) – so viel Gutes bewegen können.

Kira

B E W E R T U N G

TIEFE: 1/5 Punkte
CHARAKTERE: 3/5 Punkte
KONZEPTION: 2/5 Punkte
GESAMT: 6/15 Punkten
Kaufempfehlung: Nur mit einem mulmigen Bauchgefühl.



1 Zitat aus meinen Lernunterlagen, bereitgestellt von der klinischen Psychologin Prof. Dr. Jutta Backhaus.

Kommentare on "[BUCHREZENSION] Berühre Mich. Nicht. - Laura Kneidl"
  1. Ich hab den Beitrag jetzt doch komplett gelesen, obwohl ich das Buch eigentlich noch vor mir habe ;) Fühle mich gar nicht so wahnsinnig gespoilert, was vielleicht auch daran liegt, dass ich mich mit PTBS nicht gut auskenne und mir die Fehler bzw. Versäumnisse gar nicht aufgefallen wären (und vielleicht nicht mal auffallen werden, trotz des Beitrags).
    Auf jeden Fall eine sehr lesenswerte Besprechung, sehr spannend, wie du dein Wissen einbringst. Ich habe das Buch auf dem SuB jetzt erstmal etwas weiter nach hinten geschoben, aber irgendwann kommt die Zeit dafür bestimmt :)

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    1. Das freut mich, dass du dann gar nicht so sehr gespoilert wurdest, wie du befürchtet hast, Katie. Und vielen Dank, schön, wenn die Rezension dir zugesagt hat. Ich denke, gerade an dieser Stelle, wenn es um Repräsentation geht, sollte man mit seinem Wissen nicht hinter dem Berg halten.

      Ich hoffe, es gefällt dir etwas besser als mir, wenn du es liest. Und wünsche dir erstmal viel Spaß mit allen anderen Büchern, die noch davor kommen :)

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  2. Ich fühle mich nicht zu stark gespoilert, obwohl ich das Buch noch nicht gelesen habe (ich plane es eigentlich aber auch nicht). Vielen Dank für die ausführliche Kritik! Ich habe bisher nur positiv übersprudelnde Rezensionen zu dem Buch gelesen und daher war ich schon ein wenig neugierig geworden. Allerdings ist es ja bei solchen ChickLit-Romanen (ist das überhaupt noch ChickLit?) oft der Fall, dass sie super positiv aufgenommen werden, jedoch nicht so viel Tiefe aufweisen, wie man es erwartet.
    Ich werde das Buch nun reinen Gewissens meiden ohne das Gefühl zu haben, ich verpasse ein wirklich gutes Buch :)
    VG Jennifer

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    1. Gut, dass die Spoiler nicht allzu tragisch sind!
      Und vielen Dank für die Rückmeldung. Gerade wegen des Hypes hab ich mich auch angehalten gefühlt, meine Meinung aufzuschreiben. Weil ich das Gefühl hatte, auf weiter Flur alleine zu stehen, und ich das gerade bei diesem Thema so schade gefunden hätte. Die Rückmeldung auf die Rezension war allerdings relativ gut. Die meisten, die den Hype nicht teilen, haben wohl nur einfach nicht öffentlich davon gesprochen.
      Gönn dir stattdessen ein Buch, das dich begeistern wird! ♥
      Liebe Grüße, Kira

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  3. Vielen Dank für deinen Einblick. Ich habe gerade ein ähnliches Buch gelesen (sie wurde von ihrem Vater regelmäßig geschlagen, erträgt dadurch von niemanden Berührungen bis Held X auftaucht) und frage mich jetzt die ganze Zeit, was ich davon halten soll. Bis auf diesen Punkt mochte ich das Buch ganz gerne. "Berühre mich. Nicht" würde ich jetzt eher auch nicht mehr lesen wollen. ^^

    LG, Nise

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    1. So wie es bei dir klingt, spielt das Buch in den ziemlich schädlichen Mythos hinein, dass Liebe psychische Krankheiten heilt. Das passiert leider im Romance-Kontext oft. Deshalb schön, wenn dir das Buch drumherum gut gefallen hat, aber zumindest um einen kurzen Irritationsmoment von "So funktioniert das aber nicht" wird man bei solchen Büchern wohl nicht herumkommen.

      Liebe Grüße,
      Kira

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