[SCHREIBEN] Reflexion des Projekts: Die Liebe zum Schreiben vs. Besessenheit

Sonntag, 18. Februar 2018
Ich habe gerade nach dem Urheber des Ausspruchs gesucht, aber leider nicht gefunden. Trotzdem ist was Wahres dran: Dass es auch nicht leicht ist, ein schlechtes Buch zu schreiben.
Denn Talent und Wortgewandheit sind letztendlich nur Accessoires, wenn man sich nicht regelmäßig hinsetzt und seine Wörter zu Papier bringt oder ins Dokument. Davon sind keine Bücher geschrieben.

Und trotzdem, wenn man auf Twitter durch den Tag #Autorenleben geht oder gar #amwriting geht, wird man schnell feststellen: Auch und obwohl wir uns alle ransetzen, immer wieder, mit Disziplin und Ehrgeiz, womit schon soviel getan ist, weil wir bereit sind, zu wachsen und damit auch unseren Ideen die Chance geben zu wachsen und ihr Eigenleben zu entwickeln, wird herausgefiltert sein: So oft sind wir unzufrieden, damit, was wir schreiben, wie wir es schreiben, wie oft wir schreiben, wie viel wir schreiben (ob zuviel oder so wenig, das kenne ich beides).

Ich will hier keine Lobeshymne anfangen darüber zu singen, dass es ja schon geil ist, dass man überhaupt irgendwas tut, denn was wir da fabrizieren, sollte immerhin uns genügen. Wenn es uns nicht genug gefällt, wie soll es jemand anderem gefallen? Ich glaube da ganz fest an den Ausspruch von Robert Frost: „No tears in the writer, no tears in the reader. No surprise in the writer, no surprise in the reader.

Doch hüten würde ich mich davor, zu behaupten, dass das die alleinige Wahrheit ist. Ich hab schon zuviel gelesen, was wirklich gut war, wo der schreibende Mensch dahinter hochgradig unzufrieden gewesen ist. Absätze, die teilweise stilistisch noch besser waren, als das, was sonst von dieser Person geschrieben wurde.

Hello, innerer, immer wieder hervorkommender, immer dagewesener, aber grenzenüberschreitender innerer Kritiker, Zerdenker, perfektionistischer Perfektionist.

Da, wie ich jetzt sitze, habe ich mich seit Monaten mit niemand anderem beschäftigt, während ich an meinem Dokument saß und mich oft Wort für Wort vorangequält habe. Denn der innere Kritiker und Perfektionist und Zerdenker waren während des Prozesses plötzlich drei. Und alles, was ihr dazu in Synonymen seht, gesellte sich dazu. Sie bildeten quasi Mauern um mich herum und sahen mir beim Arbeiten über die Schulter, tun es noch immer.

Und weil gerade das Projekt #zurücklassen, an dem ich nun seit letztem Jahr Sommer mit der wunderbaren Laura arbeite, beendet ist, mag ich es daran verdeutlichen. Ein Schreibprozess, den ich keinem wünsche. Und den falschen Umgang mit dem inneren Kritiker. Und am Ende gibt’s noch eine Pointe, ich versprech's.

Wir haben #zurücklassen letztes Jahr im Juli angefangen, da die Vorgeschichte in ihren Anfängen bereits gescheitert ist. Es ist der zweite Draft, der erste diente nur als grobe Vorlage und war entschieden zu lang und auch nie geplant, überarbeitet zu werden; lasst es mich so sagen, es ist schwierig, aus 650k eine Buchdicke zu kreiren, die noch irgendjemand kaufen will.
(Und man wächst einfach aus dem Geschriebenen heraus.)

Die Sterne, dass #zurücklassen funktionierte, standen also nicht schlecht, theoretisch: Wir machten einen Plot (zu lang, circa sechs bis acht Szenen pro Kapitel). Fingen an. Und es lief anfangs gut.

Dann aber kamen all die Gründe zum Vorschein, warum wir das Projekt ja eigentlich neu machen wollten und was alles falsch am ersten Draft gewesen ist: zuviel Handlung, zuviele Figuren, zu wenig Diversität, Telenovela-Handlungsstränge, die zwar das Leben in der Geschichte aufrecht erhielten, aber an den Haaren herbeigezogen waren. Dann noch Themen, die man sich als Nicht-Zugehöriger einer Community nicht erlauben sollte, weil kein Mensch Bücher von Hetero-Menschen braucht, die über Homophobie schreiben, wenn sie doch eigentlich nur Diversität in ihren Büchern haben wollen.

Ich will nicht darauf eingehen, wie viele Plots wir hatten. Lasst es mich zusammenfassen: Es sind annährend zehn, vielleicht sind es elf. Nicht alles ist in jedem neu, manches haben wir übernommen, vieles entfernt.
Aber ich will auch sagen: Wir haben Hilfe angeboten bekommen, sehr oft, immer wieder. Und ich will auch sagen: Wir haben nein gesagt, auch immer wieder.

Pointe eins: Das war ziemlich bescheuert. Nicht nachmachen.
Wenn ihr nicht weiterwisst und jemand euch Hilfe anbietet, nehmt sie an. Es wird euch niemand Hilfe anbieten, der darauf keine Lust hat. Wenn er das nicht wollen würde, würde er es nicht tun.
Ansonsten: Fragt jemanden, ob er euch hilft. Ihr findet jemanden. Mit diesem Blogpost verspreche ich, dass wenn mich jemand fragt: Ich würde es versuchen, ich würde versuchen, jemandem zu helfen, wenn er wollte.

In den ganzen Monaten, von Juli bis Februar, den wir jetzt haben, haben wir alles immer wieder geändert. Der Plot, von dem am meisten blieb, wurde im Januar fertig. Der ist übrigens auch nicht geblieben, weil er noch nicht dicht genug war, aber ja. Er war die beste Vorlage.

Indessen: Immer ändern. Immer neu schreiben. Dann passte hier Kapitel acht nicht mehr zu Kapitel neun. Kapitel neun musste neu gemacht werden.
Ich denke, in meinem Dokument gibt es annährend dreißigtausend Wörter, die nur Anfänge oder ganze Kapitel neun sind. (Die ganze Geschichte hat in ihrer Beendigung übrigens nicht mal 120k, ihr wisst, was ich damit sagen will.)
Dann schmissen wir mittendrin Handlungen raus. Dann fügten wir Figuren ein. Dann löschten wir Figuren wieder.

Irgendwann war es ein Urwald. Und das Ziel, das Projekt bis Ende 2017 zu beenden, war nicht mal mehr ein Wunschtraum. Es war eine Utopie. Oder: Es war unmöglich. Und es war erschütternd.

GLAMPAIN, der Roman, den wir veröffentlicht haben, hat mit 247k vier Wochen gebraucht. Das war eine neue Erfahrung. Zu Scheitern. Immer zu Scheitern. Scheitern wie am Fließband.

Und aus all den umgeworfenen Ideen und allem, was nicht behalten wurde, wuchs eine ständige Hoffnungslosigkeit. Was schrumpfte, war der Mut. Das Selbstbewusstsein. Die Linie, nach der man fahren wollte.

Hier switche ich, weil ich nur noch über mich selbst reden kann: Wahrscheinlich habe ich, Ende November, längst gemerkt, dass irgendetwas nicht funktionierte. Aber, ich, wie ein sturer Hund, hatte ich mich im Bein der Geschichte festgebissen. Und sie versucht, mich vehement abzuschütteln. Klar war schnell: Da würden wir beide nicht ganz unbeschadet rausgehen.

von Kevin auf Unsplash [x]

Durch dauernde Änderungen war ich emotional in der Geschichte nie gefestigt. Eine Figur, die das ganze Buch hinweg Depression hat, ist übrigens dabei auch keine Hilfe.
Irgendwann hörte alles auf, gut zu sein.
Aber ich konnte nicht aufhören.
Ich habe jeden Tag dran gesessen. Gekürzt. Geschrieben. Gelöscht. Neu gemacht. Umkonzipiert. Das alte gelesen. Das alte besser, aber unpassend empfunden. Wieder gelöscht. Mitten drin zu müde geworden, um gerade aus zu sehen. Doch ins Bett.

Der Prozess war ganz leise und schleichend: Dass ich anfing, meine Zeit in sinnvoll genutzt und verschwendete Zeit zu untergliedern. (Ich mache es immer noch, aber es ist mir bewusster als vorher.)

Dauernd war ich der Meinung, ich müsste genauso gut und genauso angekommen sein, wie in allen Büchern, die ich vorher geschrieben habe. Schnell sehr viel produzieren, stilistisch irgendwie was Besonderes – was, wusste ich noch nicht, nur besonders.

Meine große Liebe zum Projekt war irgendwann nur noch Besessenheit. Dann habe ich Panik und Heulkrämpfe gekriegt, wenn ein Gespräch länger als zehn Minuten dauerte, weil mir das die Zeit genommen hat, an #zurücklassen zu arbeiten. Dann waren sieben Minuten zum Essen die Maximalzeit, die ich dafür aufbringen wollte. Unitexte durcharbeiten durfte höchstens zwei Stunden dauern (aber bei sechs Seminaren ist das nicht ganz das richtige Pensum). Kein Abend endete vor ein Uhr. Meine SoMe-Präsenz hat die Tiefe eines Babybeckens angenommen (still is that way), Gespräche habe ich weder virtuell noch im reallife gern geführt. Alles Zeitfresser, die mich davon abgehalten haben, was Großes zu schaffen.

Der Crash kam Ende Dezember. Bis zu dem Tag habe ich, im Schnitt, würde ich sagen, jeden Tag geweint oder eine Panikattacke gehabt, weil ich nicht arbeiten konnte, durfte, wollte, es doch gemacht habe und alles gehasst habe, was ich gemacht habe, ich meine Leistung in der Uni nicht halten konnte, mich abgekapselt hatte und selbst wenn ich wollte, mich wie ein kommunikativer Krüppel gefühlt habe, eine kaputte Kassette, die immer das wiedergibt, was der andere schon gesagt hat. Wenn man mir eine Frage gestellt hat, die ich nicht beantworten konnte, und war es nur die Frage nach der Uhrzeit, bin ich starr und sprachlos geworden. Dann wieder: Tränen. Und habe, wie ich fand, noch mehr Zeit verschwendet, dabei musste ich doch fertig werden.

Pointe zwei incoming: Pausen machen. Macht was anderes. Geht mal nach draußen. Redet mehr mit euren Eltern. Ruft euren liebsten Menschen auch mal an und sprecht mit ihm am Telefon. Nehmt euch einen Tag in der Woche einfach nichts vor.

Die Pause war eher unfreiwillig und während der gesamten Zeit nicht wohltuend. Neben den Zeitzwängen, die ich mir sowieso auferlegt hatte, war das auch wie auferlegt. Aber letztendlich war es wirksam. Die Sekunden wurden länger. Der Tag dehnte sich wieder aus. Ich hab aufgehört, vom Tag zu fantasieren, der sechsunddreißig Stunden hat, wo ich ein besseres Gewissen mit meinen exakt siebeneinhalb Stunden haben konnte, die ich mindestens schlafen wollte.

Pointe drei: Kümmert euch um euch. Ich habe in der Zeit, in der ich verbissen versucht habe, dieses Buch zu schreiben, mehr Zeit verloren als gewonnen (das ist zwar schwer zu glauben, weil ich das jetzt ebenfalls wieder herausanalysiert habe, aber trotzdem). Natürlich soll und kann man unter Druck arbeiten, aber dazu brauchen wir immer noch Selbstvertrauen, um anschließend glücklich sein zu können. Ich und keiner von euch ist eine Maschine und das ist auch gut so: Wir könnten, als Autoren, sonst gar nicht so empathisch agieren, unsere Figuren wären weniger lebhaft und ihnen Raum zu geben, indem wir uns den Moment nehmen und uns beim Atmen zuhören, lässt sie auch wachsen, weil wir wachsen.

Pointe vier: Lasst euch helfen. Ich weiß, das habe ich weiter oben schonmal gesagt, aber ich will es, weil wir am Ende der Reflexion angekommen sind, nochmal eindringlich wiederholen.
Fragt nach. Nehmt an. Sprecht darüber. Es macht keinen Spaß und es ist beschämend und so lange schlimm, bis es einmal laut gesagt wurde. Es ist nicht weiter schlimm, wenn man nicht alles alleine schafft.

Und das Buch oder das Projekt, an dem gearbeitet wird, ist immer nur noch ein Projekt. Es ist nicht lebendig, auch wenn das manchmal schön wäre, denn anders Mal ist es ein Fluch. Du musst dich niemandem erklären, weil du heute lieber ein heißes Bad genommen hast, weil die Migräne vom Wechselwetter draußen nicht besser wird. Es wird morgen auch noch dein Projekt sein. Und manchmal ist es besser, einen Schritt zurück zu machen und zu sagen: Das klappt heute nicht mehr. Ich gehe meine Reserven auffüllen. Damit ich morgen besser bin, als ich es heute bin. Scheucht den Kritiker weg, wenn ihr mal eine Serie guckt. Schickt den Perfektionisten in die Wüste, wenn euch die Augen zufallen oder der Körper Erschöpfungssignale gibt.

Jetzt, wo alles am Ende angelangt ist, die Geschichte, der Blogpost, der Februar (eh. Fast. Ihr wisst schon), geh ich kopflichen Urlaub machen und verbleibe trotzdem traurig, aber erleichtert und um einiges klüger als beim letzten Mal.

Scheitern ist auch eine Möglichkeit zu wachsen, wenn man sich die Zeit nimmt, sein Scheitern zu betrachten.

Vergesst nicht, euch heute selbst liebzuhaben,

Alisha
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